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"Er hat mir die Musik erklärt"

Auf Schuberts "Winterreise" begibt sich der deutsche Bariton Florian Boesch am 12. Mai bei den Nikolaus-Harnoncourt-Tagen. An den 2016 verstorbenen Dirigenten, der ihm "das Wesen der Musik" erklärte, erinnert sich der Sänger im Gespräch mit Karin Schütze.

"Er hat mir die Musik erklärt"

Er sang in vielen Konzerten unter der Leitung von Nikolaus Harnoncourt. Bild:

Der Bassbariton (46) hat viele Konzerte unter der Leitung von Nikolaus Harnoncourt gesungen. Ein Gespräch über den Meister, das Wesen von Musik und die Stille.

Sie haben viel mit Nikolaus Harnoncourt zusammengearbeitet. Was war für Sie das Wesentlichste, das Sie von ihm mitgenommen haben?

Florian Boesch: Nikolaus Harnoncourt war der Meister in jeder Hinsicht. Er hat mir die Musik erklärt, das Sprechen über Musik, das Empfinden von Musik. Das Musizieren mit ihm war das Erleben und Erklären, was das Wesen von Musik ist. Eine inhaltliche Sprache, die uns in einer Art anspricht, wie es keine andere kann.

Nikolaus Harnoncourt war Texttreue sehr wichtig. Wie spannen Sie den Spagat zwischen Texttreue und individueller Gestaltung eines Werks?

Nikolaus Harnoncourt hat alles über Texttreue gewusst, aber er hat nicht so getan, als wüsste er, was der Komponist will. Er hat interpretiert. Am Anfang war er ein Musikologe und ein Forscher. Aber im Endeffekt war er ein Musiker und Interpret. Er hat nichts irgendwie gemacht, sondern so, wie es ihm im Moment absolut richtig erschienen ist. Das ist der beste Ratgeber. Alle großen Musiker machen genau das. Sie machen es so, wie sie in diesem Moment überzeugt sind, dass es richtig ist. Alles andere ist sinnlos.

Eine Interpretation verändert sich, es kann also kein "richtig" oder "falsch" geben?

Es gibt eher falsch als richtig. Aber es gibt nicht nur ein richtig und es gibt kein absolut richtig. Oberflächlich und inhaltslos ist falsch. Es muss etwas heißen. Ich kann mich an eine Probe erinnern, in der Harnoncourt zum Pauker gesagt hat: "Du musst das gedämpft spielen, sonst wird man es nicht verstehen." Es ging nicht darum, ob man die Pauke hört oder ob sie schön ist, sondern darum, ob man es versteht. Das große Thema ist der Inhalt von Musik. Und der heißt nicht immer und für jeden das Gleiche. Ich habe auch erlebt, dass Harnoncourt seine Meinung geändert hat. Wie er die Fünfte Beethovens mit den Berliner Philharmonikern dirigiert hat, hat er gesagt: "Jetzt hab ich’s verstanden." Einmal hat er zu mir gesagt, er gehe davon aus, dass in 40, 50 Jahren alle drüber lachen werden, was wir da machen. Das werden sie nicht. Man wird nicht lachen über Nikolaus Harnoncourt.

Wie gehen Sie persönlich an ein Werk heran?

Durch Lesen, inneres und äußeres Hören und Probieren überprüfe ich, wo und in welcher Art es in mir eine Resonanz erzeugt. Was bedeutet es mir, warum bedeutet es mir dies und das? Daraus ergibt sich ein Weg, den man in der Interpretation beschreitet. Ich erzähle dem Publikum, was mir eine Musik antut.

Was tut Ihnen Schuberts "Winterreise" an?

Das Liedsingen und die Schubert-Zyklen überhaupt sind natürlich dort interessant, wo man an der Grenze des Unmöglichen ist. Eine stabile "Winterreise" zu singen, ist völlig sinnlos. In der "Winterreise" gehe ich auf eine innere Reise. Sie ist eine Überprüfung des Status quo: Wo bin ich, was berührt mich‘? Als ich vor 20 Jahren zum ersten Mal "Die Winterreise" gesungen habe, habe ich gedacht, das wird mein Leben verändern. Ein Blödsinn! Es ist umgekehrt. Das Leben verändert die "Winterreise". Ich habe noch keine gleiche gesungen, und ich kann mir das auch nicht vorstellen.

Ihre Großmutter war Sängerin, Ihr Vater Bariton. Warum sind Sie trotzdem Sänger geworden?

Weil die Musik, das Singen und das klingende Wort so stark sind. Ich habe mich viele Jahre dagegen gewehrt. Ich habe als Kind und Jugendlicher Cello studiert und gedacht, dass ich kein Musiker bin, weil das nicht mein Instrument war. Ich habe mich für viele Jahre mit bildender Kunst beschäftigt und auch bildende Kunst studiert an der Hochschule für Angewandte Kunst in Wien. Recht zufällig habe ich mit meiner Großmutter zu singen angefangen, da hat es mich hinterrücks gepackt. Es ist eine sehr machtvolle Sache. Es ist mein Medium.

Brauchen Sie auch die Stille?

Die Stille ist heute nicht leicht zu finden. Ich habe sie erlebt, in der Wüste. Das ist etwas ganz Besonderes. Es war verwunderlich, was man alles in sich hört, man hört sein eigenes Herz schlagen.

 

Zur Person: Florian Boesch (46) stammt aus Saarbrücken. Er studierte in Wien. In Händels "Radamisto" debütierte er 2002 bei den Salzburger Festspielen, wo er 2006 den Antonio in "Le nozze di Figaro" unter Nikolaus Harnoncourt gab und 2009 den Guglielmo in „Così fan tutte“. Im Theater an der Wien gab er 2017 die Titelpartien "Wozzeck" und bis Februar ‘18 „Saul“. Er ist stellvertretender Leiter am Institut für Gesang und Musiktheater der Musikuni Wien.

 

Nikolaus-Harnoncourt -Tage

10. Mai, Pfarrkirche St. Georgen, 19.30 Uhr: Mozarts Sinfonie KV 338, Haydns „Nelsonmesse“ mit dem Wiener Kammerchor unter Michael Grohotolsky und dem Concentus Musicus Wien unter Stefan Gottfried

11. Mai, Pfarrkirche St. Georgen, 19.30 Uhr: Sextette op. 48 von Antonín Dvorák und op. 36 von Johannes Brahms mit Musikern der Wiener Philharmoniker, des Concentus Musicus und des Chamber Orchestra of Europe

12. Mai, Attergauhalle St. Georgen, 11 Uhr: Das Attergauer Jugendsinfonie Orchester und das Jugendsinfonie Orchester Matteo Goffriller Südtirol spielen Werke von Händel und Beethoven, Dirigent: Stephen Lloyd

12. Mai, Pfarrkirche St. Georgen, 15 Uhr: Schuberts „Winterreise“ mit Bariton Florian Boesch und Pianist Malcolm Martineau;

LMS St. Georgen, 18 Uhr: Künstlergespräch mit Florian Boesch und Franz Harnoncourt

13. Mai, Pfarrkirche St. Georgen, 9.45 Uhr: Heilige Messe mit Philipp Harnoncourt (Zelebrant, Predigt), Franz Schuberts „Deutsche Messe im Volksgesang“, abschließende Agape

Infos, Programm, Karten: Büro Attergau Kultur Montag-Freitag von 9 bis 12 Uhr oder Tel.: 07667 / 86 72; Tourismusbüro St. Georgen, Tel.: 07667 / 63 86, www.harnoncourttage.at

 

 

 

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Artikel Karin Schütze 04. Mai 2018 - 00:04 Uhr
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