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"Diese zuckerlrosa Geschichten wurmen mich schon lange"

Herbert Lippert: Der in Linz geborene Opernsänger will gemeinsam mit Ildikó Raimondi und den Florianer Sängerknaben mit dem Projekt OMIA die Operette retten, erzählt er im OÖN-Interview.

"Diese zuckerlrosa Geschichten wurmen mich schon lange"

Herbert Lippert, hier als Eisenstein in der Mörbischer Fledermaus von 2012, will die Operette neu positionieren. Bild: ORF

Dem Tenor Herbert Lippert, Ensemblemitglied der Wiener Staatsoper, reicht’s jetzt. Er will nicht mehr zuschauen und zuhören, wie die Operette zum kitschigen Klamauk verkommt. Mit "Operette made in Austria" (OMIA) will er das in einer veritablen Krise befindliche Genre ins 21. Jahrhundert führen. Start des groß angelegten Projektes ist am 15. August in Gmunden, die Fernziele heißen Berlin und New York.

 

OÖNachrichten: Herr Lippert, warum fühlen Sie sich berufen, das Genre Operette zu retten?

Herbert Lippert: Retten ist nicht der richtige Ausdruck. Wir wissen ja gar nicht, ob unsere Idee, die Operette neu zu positionieren, richtig ist. Ich versuche etwas gegen die Entwicklung zu machen, weil es mir seit Jahrzehnten auf die Nerven geht. Ich bin kein Erkorener, ich suche einen anderen Weg und sehe mich wie einen Politikverdrossenen, der eine Bürgerinitiative gründet und versucht, es besser zu machen. Marcel Prawy hat mir die Operette ans Herz gelegt, da bin ich richtig infiziert worden.

Die Operette hat stark an Rang verloren...

Das ist liebevoll ausgedrückt.

… teils durch veraltete Themen, vor allem aber auch durch zwanghafte Modernisierungsversuche von Regisseuren.

Das ist genau der Grund. Diese zuckerlrosa Geschichten wurmen mich schon lange. Ich will diese Bühnen gar nicht nennen, weil ich ja früher selber dort gesungen habe. Die Arbeiten von einigen Regisseuren, dieser Klamauk, der auf den Operettenbühnen stattfindet, das geht mir so auf die Nerven. Das war auch bei unserem OMIA-Projekt so: Man sagt Operette, und jedem fällt die Lade herunter.

Keine guten Voraussetzungen für Ihr Projekt.

Doch, doch. Ich habe mich mit Ildikó Raimondi zusammengesetzt, und wir haben überlegt, was wir tun können, um die Operette auf ein gewisses Niveau zurückzuführen. Das Problem ist, dass viele die sozialkritische Komponente der Operette nicht mehr kennen. Damals war die Operette mit Richard Tauber, Leo Ascher oder Franz Lehár Popmusik. Tauber war der Sting seiner Zeit. Was uns an der derzeitigen Operette so stört, ist dieser kitschige Klamauk. Deshalb machen wir ein Operetten-Event. Johannes Silberschneider spielt den damaligen Sozialreporter Max Winter. Er erzählt von der jeweiligen Zeit – was hat die Leute bewegt –, Ildikó und ich bringen die Lieder dazu.

Inwieweit sind die großen Operetten-Festivals wie Mörbisch dem Genre förderlich oder vielleicht sogar – bei allem Respekt – eine Art Totengräber?

Der Operetten-Liebhaber wird immer älter, weil ja nichts Neues geboten wird. Der ist zwischen 60 und 90 Jahre alt. Mörbisch ist für diese Spezies grandios. Warum sollen diese Festspiele ihr treues Publikum mit einer provokativen Schiene verärgern? Es will ja keiner eine neue Operette, auch wir nicht, aber wir wollen einen neuen Zugang schaffen. Was kann man mit diesem Juwel heute machen, wie kann Operette heute klingen?

Ja?

Sie braucht eine gute Umsetzung. Die Melodien sind schon prachtvoll. Aber dieser Wulst, diese Ritardandi, die man seit 40 Jahren hört. Das geht mir auch schon so auf die Nerven! Wir machen eine moderne, frische, geradlinige Umsetzung, vermischt mit Information. Am Ende unseres Programms gibt es ein Medley von Paul Abraham. Das arrangiert mein Sohn, er ist Pop- und Rockmusiker und Komponist. Das ist DJ-artig, eine E-Gitarre spielt mit, ein Orchester, Schlagzeug, mit anderen Rhythmen also. Der ist jetzt infiziert von diesen Melodien. Mein Bua!

Also Operette 2.0?

Gar nicht einmal so schlecht. Wir haben geniale Ideen, aber dieses Produkt wird mindestens zehn Jahre brauchen, bis es dort ist, wo wir es haben wollen. Das, was wir heuer in Gmunden und Wien auf die Bühne bringen, sind zehn Prozent unserer Ideen.

Verraten Sie uns etwas über die restlichen 90 Prozent?

In ein paar Jahren sollen junge Sängerinnen und Sänger das Projekt übernehmen. Ich will nicht mit 70 auf der Bühne stehen, da beißt sich die Katze in den eigenen Schwanz. Wir brauchen junge Protagonisten. Wir sind keine Wunderwuzzis, aber in den nächsten zehn Jahren soll daraus eine Konzerttournee werden. Wir planen schon mit Berlin und New York. Große Dinge.

 

Projekt OMIA

Uraufführung von "Ein Walzer muss es sein" ist am 15. August, 20 Uhr, in der Congresshalle Gmunden (bei Schönwetter gratis Live-Übertragung im Toscana-Park).

Ildikó Raimondi und Herbert Lippert singen Operetten-Klassiker aus verschiedenen Epochen. Johannes Wildner dirigiert das Jugendorchester IOIA, weiters singen die St. Florianer Sängerknaben.

Karten: Tel. 01/58885

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Artikel Helmut Atteneder 10. August 2017 - 00:04 Uhr
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