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Die neue Linzer Symphonie

Zum Abschieds- und Galakonzert für Brucknerhaus-Chef Hans-Joachim Frey am 27. November steht eine Uraufführung im Mittelpunkt. Der russische Dirigent und Komponist Anton Lubchenko (32) hat Linz eine Symphonie gewidmet.

Die neue Linzer Symphonie

Bild: Winkler

Anton Lubchenko gilt als musikalische Ausnahmeerscheinung. Die Komposition für Linz ist seine neunte symphonische Dichtung. Sein größter Förderer ist Waleri Gergijew, Chefdirigent der Münchner Philharmoniker und Direktor des St. Petersburger Mariinksy-Theaters. Mit den OÖN sprach der 32-jährige Lubchenko über seine Arbeit.

OÖNachrichten: Worin bestehen die großen Unterschiede zwischen Russland und Österreich?

Anton Lubchenko: Ich muss es aus der Perspektive eines Touristen bewerten, weil ich ja hier nur gearbeitet und nicht gelebt habe. In Linz ist es wesentlich ruhiger, ich kann mich hier konzentrierter der Kunst widmen. In Russland geht das nicht, weil ich dort wie ein Manager arbeiten und mich mit Alltagsproblemen herumschlagen muss. Hier kann ich Ideen kreieren und diese Ideen wachsen lassen. Nicht nur Linzer, sondern Österreicher sind selbstironischer und entspannter als andere.

Ihre Symphonie basiert inhaltlich auf Ihrem Tagebuch, das Sie während ihrer Linz-Aufenthalte geführt haben. Ist Ihr Tagebuch stets Basis Ihrer Kompositionen?

Ich schreibe immer Tagebuch, überall. Wenn ich in diesem Tagebuch lange vergangene Einträge nachlese, verstehe ich mich selbst und damalige Situation oft besser als zum Zeitpunkt des Schreibens. Die notierten Gedanken führen nicht immer zu etwas Musikalischem, aber jene über Linz werden auch im Programm der Uraufführung abgedruckt sein. Das Publikum kann diesen Text also lesen und damit vielleicht noch besser in die Musik eintauchen.

Gab es einen speziellen Moment, der ausschlaggebend war, dass Sie diese Musik schreiben mussten?

Ich war fünf oder sechs Mal hier und ich erinnere mich an einen Spaziergang entlang der Donau, als mir diese Gedanken kamen. Russische Musik ist gewöhnlich viel dramatischer als österreichische oder mitteleuropäische, insofern hat es mich auch gereizt, diesen Stil zu versuchen. So ist die Idee für die Linzer Symphonie entstanden.

Wie hat sich Ihr Bild von Oberösterreich und Linz im Laufe Ihrer Besuche verändert?

Auch wenn ich gesagt habe, ich bin hier ein Tourist, ist die Stadt zu einer Art zweiten Heimat geworden. Ich kenne die öffentlichen Plätze, die Cafés, die Geschäfte. Meine Empfindung hat sich nicht verändert, ich habe die Stadt von Beginn an wie eine Perle erlebt – klein und wunderschön. Am liebsten mag ich den Blick vom Schloss über die Stadt – und mein Lieblingsweg führt von dort oben herunter über die Nibelungenbrücke.

Vermutlich wissen Sie, dass einst auf der anderen Seite der Brücke, in Urfahr, die russische Besatzungszone begonnen hat...

…natürlich, ich weiß das. Diese Zeit war für Österreich, aber auch für Russland schrecklich. Russen denken oft an diese Zeit, obwohl schon so viele Jahre vergangenen sind. Und ich versichere Ihnen, auch Russen wünschen sich diese Zeiten nicht zurück. Vielleicht kann die Erinnerung daran die Freundschaft unserer Länder und die Zusammenarbeit in Europa verbessern. Ich verstehe meine Musik ja auch als einen Beitrag zum Frieden.

Wurden Sie hier mit Vorurteilen oder mit Klischees gegenüber Russen konfrontiert?

Nein, ich lese nur in Zeitungen darüber. Sogar in Russland wird darüber geschrieben, dass man in Westeuropa, vor allem in Deutschland, Vorurteile gegenüber Russen hat, und dass sich Russen in Mitteleuropa schlecht benehmen. Bei jenen Menschen, denen ich begegnet bin, habe ich nichts davon gespürt.

Ihre Oper "Doktor Schiwago" nach Boris Pasternaks Roman hat in Regensburg einen kleinen Skandal ausgelöst. Sie sollen Regisseur Silviu Purcarete unter anderem ein von Stereotypen geprägtes Russland-Bild vorgeworfen haben?

Viele dieser Geschichten wurden von Journalisten erfunden. Ich habe den Regisseur lediglich gebeten, sich gegenüber Pasternak korrekter zu verhalten – sowohl inhaltlich als auch formal. In einer Zeitung stand etwa: Da kommt ein russischer Traditionalist, der die westlichen Werte negiert. So, als würde ich russische Propaganda verbreiten. Nichts davon hatte ich im Sinn. Aber wer aus einem anderen Land kommt, der bringt natürlich auch seine Kultur mit. Trotzdem waren alle zwölf Aufführungen ausverkauft und die Menschen waren nach jeder Vorstellung begeistert. Das Publikum dürfte also offener als die Journalisten sein.

Könnte das ein Indiz dafür sein, dass jedes Land seine eigene Propaganda pflegt?

Möglicherweise. Ich habe auch nichts dagegen, dass ein Journalist sein Land liebt, aber in diesem Fall ging es um Musik. Schade ist, wenn dem, was man als Propaganda vermutet, mit anderer Propaganda begegnet wird.

Halten Sie Europas Ressentiments gegenüber Russland für Missverständnisse?

Vielleicht versprechen sich manche Leute politische Vorteile davon. Eine der ersten Aufgaben eines Musikers ist es, Verbindungen zwischen den Ländern zu schaffen und Brücken zu bauen. Je weniger die Politik im Spiel ist, desto mehr rückt man zusammen, desto mehr versteht man einander.

Wird auf Sie als Künstler auf irgendeine politische Weise Druck ausgeübt?

Alles beeinflusst die Kunst, auch das Wetter. Künstler arbeiten mit ihren Emotionen, aber ich persönlich habe noch nie politischen Druck auf meine Arbeit gespürt. Schauen Sie sich Schostakowitsch oder Prokofjew an, die haben zu wirklich schwierigen Zeiten gelebt. Prokofjew ist 1953 sogar am gleichen Tag wie Stalin gestorben. Schostakowitsch und Prokofjew hatten unter dem politischen Druck viel zu leiden. Das wird in deren Musik auch deutlich.

Was kann Österreich von Russland lernen und was Russland von Österreich?

Die europäische Musik ist emotional organisierter, in der russischen Kunst ist die Leidenschaft ungezügelter, aber es steckt auch viel mehr Leid in ihr. Europäische Kunst wird oft mit der Kette der Vernunft verschnürt, ohne ihre Botschaft zu verfehlen. Diese Kunst lehrt uns Russen Vernunft. Von der russischen Kunst können die Europäer vielleicht mehr emotionale Offenheit lernen. In meiner Musik versuche ich, mein slawisches Temperament mit europäischer Logik zu verbinden.

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Artikel Peter Grubmüller 24. November 2017 - 00:04 Uhr
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