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Die innere Verantwortung von Medien

Zukunftsforscher Matthias Horx mahnt Zeitungen und digitale Medien zu Respekt, Achtsamkeit und konstruktivem Journalismus. Der Trendguru, der diese Woche in Linz referierte, sprach mit Klaus Buttinger.

Die innere Verantwortung von Medien

Horx: "Befinden sich Medien und politische Macht im Krieg, ist das mit Sicherheit nicht zukunftsträchtig." Bild: Klaus Vyhnalek

OÖN: Herr Horx, ist die Zeitung tot oder geht es ihr nur schlecht?

Mathias Horx: Die Zeitung ist weder tot, noch geht es ihr schlecht, sie wird nur im digitalen Gewitter neu sortiert. Wir können sehen, dass es Gewinner und Verlierer im Printmarkt gibt und können analysieren, was dort gedeiht und überlebt. Es ist wie im Dschungel, wo die Evolution schneller läuft. Das ist eine harte Evolution, die überlebt nicht jeder. Print und Digitales sind nicht mehr voneinander zu trennen.

Investieren Medienhäuser genug in die Expansion ins Digitale, um die Kraft von gutem Journalismus auf den Boden zu bringen?

Im Dschungel gilt nicht das Prinzip der Kraft, sondern das der Adaptionsfähigkeit und der Raffinesse. Man kann aus der Entwicklung der vergangenen Jahre lesen, wie sich die Spreu vom Weizen getrennt hat. Da gibt es die bizarren Webseiten, auf denen nur noch Katzenbilder, Pornos und Verschwörungstheorien hin und her kopiert werden; und auf der anderen Seite eine Renaissance des Qualitätsjournalismus. Der ist gewissermaßen unkaputtbar, weil die Gesellschaft zur Reflexion auch immer Kontrollinstrumente braucht.

Verschärft sich das Auseinanderdriften zwischen Boulevard- und Qualitätspresse noch?

Das verschärft sich weiterhin. Was passiert, ist, dass die klassischen informellen Bedeutungen der Zeitung irrelevant werden. Kein Mensch liest mehr Zeitung, weil er News bekommen will, sondern er will unterhalten werden oder Verständnis gewinnen. Bei Büchern, die vom ersten digitalen Boom vor 15 Jahren totgesagt wurden, sieht man auch, dass es eine Renaissance des Trägermediums gibt, ein Zurück zum Papier, einen Retrotrend gegen den Flimmerwahn der Bildschirme. Menschen drucken sich immer noch E-Mails aus oder kleben Post-its auf ihre Bildschirme. Da zeigt sich, dass das menschliche Hirn auch ein Bedürfnis nach Fixierung hat.

Dagegenzuhalten wäre, dass Jugendliche heute fast schon in ihrem Smartphone leben, da gibt’s kein Papier mehr…

Ich kann Ihre Diagnose nicht bestätigen. Ich habe auch Kinder im entsprechenden Alter, und in deren Zimmer wimmelt es von Papier, gleichzeitig von Bildschirmen. Das Ganze geht in einer endlosen Schleife, weil das Papier offensichtlich in einer Phase wieder relevant wird, wenn man sich vollkommen verloren hat in der elektronischen Welt. Wir neigen dazu, einen momentanen Zustand der Übertreibung, wie zum Beispiel die Sucht, auf das Smartphone zu starren, als Dauerzustand zu definieren. Das sind vorübergehende Exzesse.

Die Zeitungen haben sich den Vorwurf "Lügenpresse" eingefangen. Darauf wurde so gut wie nicht reagiert. War das ein schlechtes Krisenmanagement?

Ich glaube, dass die Debatte um die Lügenpresse von einem Zerfall und einer Polarisierung des öffentlichen Diskurses zeugt. Manche Menschen meinen ja nicht das Verhältnis Lüge zur Wahrheit, sondern sie haben ein tiefes Bedürfnis, dass das, was sie emotional erfinden, allgemein veröffentlichte Meinung sein soll. Das ist ein diktatorischer Anspruch. Den muss man zurückweisen, dann da geht es um die Negierung von Meinungsvielfalt. Andererseits ist die Erregungsgeschwindigkeit von Medien so stark geworden, dass es einen allgemeinen Vertrauensverlust gegeben hat. Immer mehr Menschen – gerade im gebildeten Sektor – hegen einen extremen Überdruss gegenüber dieser Reizwirtschaft.

Wird diese Erregungswelle brechen?

Alle Wellen müssen irgendwann brechen. Eine Gesellschaft kann sich durch innere Erregung quasi selbst in die Luft sprengen oder dekonstruieren, das führt dann zum Bürgerkrieg, oder sie entwickelt Adaptionsformen, wie menschliche Kultur, menschliche Hirne mit dem Phänomen Übervernetzung und Übererregung umgehen. Dafür brauchen wir Kulturtechniken der Achtsamkeit. In der Forschung sprechen wir momentan von einem deutlich sichtbaren Achtsamkeitstrend, in dem Menschen wieder ihre innere geistige Souveränität in Anspruch nehmen und lernen, ihr Medienverhalten zu steuern.

Kann es sein, dass Qualitätsmedien auch darüber stolpern, zu viele Kooperationen einzugehen, zu viel Vorsicht und Rücksicht walten lassen, anstatt beinharte Storys zu recherchieren?

Das ist sicher so, aber die beinharte Recherche ist nicht die einzige Aufgabe der Medien. Die sind ja auch Spiegel gesellschaftlicher Zustände und haben nicht nur die Aufgabe der Kritik. Es gibt ja auch das Phänomen des Überkritischen, das dann in Zynismus umkippt. Eine ganz wesentliche Aufgabe der Medien ist, die Zukunft aufzuzeigen, zu debattieren. Dafür braucht man saubere journalistische Formen – im Gegensatz zur Überkommerzialisierung. Jeder zweite Artikel ist ja gesponsert oder bezahlter Content, wo der Leser oft gar nicht mehr weiß, welche Interessen hinter einer Meinung stehen.

Wie zukunftsfähig ist der konstruktive Journalismus?

Wir werden in den nächsten Jahren eine Gegenbewegung zum Schlechtmachen von allem und jedem erleben – eben den konstruktiven Journalismus. Es gibt bereits einige Plattformen, die das heute versuchen, etwa Perspective Daily in Deutschland. Eine spannende Entwicklung.

Sie fordern auf Basis einer offenen, moralisch integren Gesellschaft auf, die richtigen Fragen zu stellen. Welche wären das in Bezug auf die Zukunft der Medien?

Was ist die Funktion von Medien in einer pluralen, komplexen Gesellschaft? Da kann es nicht nur um Kommerzialität und Aufmerksamkeit, die man in Klicks messen kann, gehen, sondern es geht auch um innere Verantwortung in gesellschaftlichen Öffentlichkeiten. Dann wird klarer, was die innere Legitimität von Medien ist: Sie sind nämlich gesellschaftliche Spiegel, in denen Lernprozesse stattfinden. Und die sind essenziell für den Fortschritt einer Gesellschaft.

Medien und politische Macht gehen in den USA feindselig miteinander um. Lassen sich solche Konflikte mit der "vierten Macht im Staate" kitten?

Es gibt immer wieder Anlass, gesellschaftliche Heilungskräfte wahrzunehmen. Die Überzeichnung der Untergänge, in denen sich Demokratie und Gesellschaft momentan befinden sollen, bekommt einen Gegentrend. In Frankreich sollte die rechtsnationale Machtergreifung stattfinden, was aber stattfand, war eine Renaissance einer konstruktiven, energetischen Politik der Mitte. Insofern kann man sehen, dass gesellschaftliche und mediale Systeme zu Gesundungsprozessen fähig sind. Das gibt Anlass zur Zuversicht.

 

Zur Person

Matthias Horx (*1955 in Düsseldorf) gilt als einflussreichster Trend- und Zukunftsforscher im deutschsprachigen Raum.

Nach einer Laufbahn als Journalist (u. a. bei der Hamburger ZEIT) gründete er zur Jahrtausendwende das "Zukunftsinstitut", das heute zahlreiche Unternehmen und Institutionen berät und 35 Mitarbeiter beschäftigt.

Seine Bücher wie "Anleitung zum Zukunftsoptimismus" oder "Das Buch des Wandels" wurden Bestseller. Als Gastdozent lehrt er Prognostik und Früherkennung an verschiedenen Hochschulen. Seit 2010 wohnt Horx mit seiner Familie im "Future Evolution House" in Wien.

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Artikel 20. Mai 2017 - 00:04 Uhr
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