21. November 2015 - 00:04 Uhr · Annette Gantner · Kultur

Der Jungstar auf Wiens wichtigster Bühne

Der Jungstar auf Wiens wichtigster Bühne

Als Ophelia mit roter Perücke in Heiner Müllers Stück „Die Hamletmaschine“. Bild: APA

Seit Herbst gehört Marie-Luise Stockinger zum Ensemble des Burgtheaters. Die 23-jährige Politikertochter aus St. Florian legte als Schauspielerin eine rasante Karriere hin – trotz ihrer Zweifel am eigenen Erfolg.

Mit roter Perücke in hochhackigen Schuhen stöckelt Ophelia über die Bühne. Sie schleppt einen Stierkopf, der ihrem eignen Gewicht entspricht. Ab und zu lacht jemand auf. Marie-Luise Stockinger gelingt es, über den Glanz ihrer Augen, ein Zucken ihrer Lippen und die Vibration ihrer Stimme das Publikum in ihren Bann zu ziehen.

Das Burgtheater hebt seinen Jungstar beharrlich auf die Besetzungsliste. In "Die Hamletmaschine" spielt Stockinger an der Seite von Burgtheater-Urgestein Ignaz Kirchner. Sie singt im Chor bei "Antigone", spielt das Fräulein Wehner in " Das Konzert" und probt derzeit für Molières "Der eingebildete Kranke" die Rolle der Tochter Angélique.

Stockinger feierte Ende September ihren 23. Geburtstag. Nur den allerwenigsten gelingt es, bereits in so frühen Jahren in das Ensemble des Burgtheaters aufgenommen zu werden. Ausnahmetalent Birgit Minichmayr begann ähnlich jung.

Einander haben die beiden oberösterreichischen Schauspielerinnen vor ein paar Jahren kennengelernt. Ihre Väter sind bei der Oberösterreichischen Versicherung beschäftigt. Josef "Ferdl" Stockinger war viele Jahre VP-Agrarlandesrat, bevor er in die Privatwirtschaft wechselte.

In gewisser Weise verdankt Stockinger ihre Karriere dem Vater, zu dem sie ein "wahnsinnig gutes" Verhältnis hat. Immer hieß es, "Papa wird’s schon richten". Das Theater war ein Bereich, für den dieser Satz nicht galt. "Ich wollte mich von vorgelebten Dingen emanzipieren", sagt sie.

Schon als Kind las sie gerne. In Menschenmengen zog sie sich auf die Position der Beobachterin zurück, studierte Emotionen, Bewegungen. "Thema meines Berufs ist der Mensch an sich. Näher kann man am Leben nicht dran sein."

Wie eine Casting-Show

Mit 18 Jahren bewarb sie sich am Max-Reinhardt-Seminar. Erfahrung brachte sie wenig mit, im Petrinum hatte sie ab und zu im Schultheater mitgespielt. "Es war wie eine dieser Casting-Shows, die man aus dem Fernsehen kennt", erinnert sie sich. Man bekam eine Nummer, es gab 600 bis 700 Bewerber. Nach jeder Runde setzte sie sich in den Zug nach Oberösterreich im Glauben, endgültig ausgeschieden zu sein. Nach drei Runden stand fest: Sie wird eine von elf Schauspielerinnen, die in den kommenden vier Jahren die Eliteausbildung durchlaufen.

"Ich wusste, dass keine Welt zusammenbricht, wenn ich nicht genommen werde. Ich habe mich nicht darüber definiert", sagt sie bescheiden. Über Alternativen hatte sie nachgedacht: das Studium der Judaistik oder Germanistik.

Die Ausbildung ist tough, von acht in der Früh bis um acht Uhr abends lernte sie Schauspiel, Gesang, Körperbeherrschung, Theatergeschichte, Dramaturgie. In Wien hatte Stockinger anfangs mit ihrer Schwester zusammen gewohnt, kürzlich zog sie allein in eine Wohnung in der Josefstadt.

Der HNO-Arzt hatte vom Schauspiel wegen geschädigter Stimmbandknötchen abgeraten. "Ich musste mich wirklich viel mit meiner Stimme auseinandersetzen. Die war recht rostig", erzählt Stockinger. Als Besucher würde man nichts davon erahnen.

Im zweiten Jahr wurde der Schweizer Burgtheater-Schauspieler Roland Koch ihr Rollenlehrer am Reinhardt-Seminar. "Es war wichtig, jemanden zu haben, der einem sagt, du hast das Talent, konzentriere dich auf wesentliche Dinge", lobt sie ihren Mentor.

Trotz ihrer Jugend wirkt Stockinger sehr reflektiert, bezeichnet sich als zu selbstkritisch, Sensibelchen sei sie keines. Ihre Freunde von früher gehen am Abend feiern, während sie Verpflichtungen hat. Die frischgebackene Magistra spricht das typische Burgtheaterdeutsch, den Dialekt hat sie abgelegt. Augenkontakt meidet Stockinger meist und wirkt dadurch schüchtern – krasser Gegensatz zu ihrer Bühnenpräsenz.

Während des Studiums hatte sie an der Josefstadt in der "Kameliendame" mitgespielt. Eigentlich wollte sie nach dem Abschluss ins Ausland, eine Zusage aus Deutschland gab es – doch ihre Karriere nahm einen anderen Weg. Im Jänner 2015 sprach sie beim Burgtheater vor – mit Erfolg. "Ich habe meinen Stellenwert nicht abhängig davon gemacht, ob ich genommen werde. Es war ein entspanntes Vorsprechen."

Stockinger hatte damals Bedenken. Das Burgtheater zählt 68 Ensemble-Mitglieder. Sie befürchtete, zu wenig Spielmöglichkeiten zu erhalten. Doch Burgtheater-Direktorin Karin Bergmann versicherte ihr, Junge zu fördern.

Ob das Burgtheater, wichtigste Bühne im deutschsprachigen Raum, nicht ihr Traum gewesen sei? "Eigentlich nicht. Viele sagen, das wäre der Höhepunkt in einem Theaterleben. Ich bin jung und sehe es als eine Station. Meine Reise wird mich auch noch in andere Städte und Häuser führen."

Keine Zauberer

Mit den Größen der Branche gemeinsam auf der Bühne zu stehen, stresst sie nicht. "Niemand ist ein Zauberer", sagt sie. Und wenn man dann verschwitzt bei den Proben stehe, ist jeder gleich. Nacktheit ist kein Thema für sie. Damit könne Schutzlosigkeit am besten ausgedrückt werden: "Körper und Stimme sind Arbeitsmaterial."

Die Proben sind harte Arbeit, meist muss sie innerhalb von sechs bis acht Wochen ihre Rolle einstudieren, die ersten vier Aufführungen sind ein Nervenkitzel, dann setzt die Routine ein. Stockinger hat kein Problem, sich ihre Texte zu merken – auch wenn sie in mehreren Produktionen spielt. "Es ist wie ein verinnerlichtes Programm. Man hat sein Kostüm an, sieht die Kollegen, der Körper speichert alles."

Theater wird immer ihre Leidenschaft bleiben, doch Stockinger verhehlt nicht, dass sie auch der Film reizt. Derzeit lässt ihr der Terminkalender – 20 Auftritte allein im November – wenig Freizeit. Nach Oberösterreich kommt sie bei Gelegenheit. Wenn sie die Sehnsucht packt, fährt sie auch für nur einen Tag zu ihrer Familie nach St. Florian.

 

Nachgefragt ...

Heimat ist für mich ... wo meine Herzensmenschen sind.
Das fehlt mir in Wien aus Oberösterreich  … die ganz frische Morgenluft.
Mein Lieblingsplatz in Wien... mein Bett, Maria Treu im achten Bezirk, der Wilhelminenberg.
Mostschädl oder Weana Bazi ... ich mag keinen Most, bin eher ein Bierkopf.
Der größte Unterschied zwischen Wienern und Oberösterreichern ... in Wien zelebriert man das Dasein mehr.

 

1888 wurde das k.k. Hofburgtheater am Wiener Ring neu eröffnet. Das alte Theater stand „nächst der Burg“ auf dem Michaelerplatz und musste einem Umbau weichen. Das prachtvolle Gebäude mit Malereien von Gustav Klimt bietet 1340 Zuschauern Platz und ist das größte Sprechtheater Europas.

Vier Spielstätten gehören zum Burgtheater: neben dem Nationaltheater am Ring auch das Akademietheater, das Kasino am Schwarzenbergplatz (einst Vergnügungsstätte der Offiziere) und das Vestibül.

430.000 Menschen besuchen pro Jahr eine der vier Spielstätten des Burgtheaters. Pro Jahr werden rund 40 Stücke aufgeführt, es gibt in etwa 850 Vorstellungen.

 

Quelle: nachrichten.at
Artikel: http://www.nachrichten.at/nachrichten/kultur/Der-Jungstar-auf-Wiens-wichtigster-Buehne;art16,2035564
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