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Der Geistesblitz auf dem Fahrrad

Universitätsprofessor Bruno Buchberger erzählt in seinem Buch über seine Leidenschaften: Mathematik, Management und Meditation.

Der Geistesblitz auf dem Fahrrad

Bild: Weihbold

Er erinnert sich noch genau an die Kurve, die er vor 50 Jahren mit dem Fahrrad genommen hat, um zur Universität in Innsbruck zu gelangen. Fast täglich ist er die Strecke gefahren, aber eines Tages ist ihm die zündende Idee gekommen, wie ein mathematisches Problem gelöst werden kann, das der Fachwelt seit 1899 bekannt gewesen war und an dem internationale Kapazunder 65 Jahre lang gescheitert waren. Wieso in einer Kurve?

Es geht um nicht-lineare Systeme – in abstrakten mathematischen Räumen… Die Schwierigkeit der Aufgabe, die dem 23-jährigen Studenten Bruno Buchberger 1965 für seine Dissertation gestellt wurde, ist ihm vom Professor verschwiegen worden. Der junge Tiroler arbeitet damals 40 Wochenstunden für die Universität Innsbruck, um sich als Programmierer an einem Ur-Computer Marke Zuse Z 23 das Finale seines Studiums zu finanzieren.

Der meistzitierte Mathematiker

Dass es ihm gelingt, so nebenbei die harte Nuss zu knacken, hat er nicht nur seinem mathematischen Können zu verdanken, sondern auch den frühen Kenntnissen der Datenverarbeitung. Das wird ihm erst ein Jahrzehnt später bewusst. Im Zuge einer anfangs sehr unerfreulichen Bekanntschaft erfährt er 1976 auf einem Kongress im deutschen Kaiserslautern, dass Kollegen an dem Problem kiefeln, das er in Innsbruck längst gelöst hat. Rasend schnell verbreitet sich nun seine Erfindung in der Fachwelt. Warum er der Lösung den Namen jenes Professors gibt, der ihn eigentlich mit dem Problem im Stich gelassen hat (Gröbner-Basen), ist eine ebenso verblüffende wie menschliche Geschichte, die Bruno Buchberger in seinem diese Woche erschienenen Buch "Mathematik, Management, Meditation" erzählt.

1976 ist er bereits Professor an der jungen Johannes Kepler Universität in Linz und mehr an den innovativen Computerwissenschaften als an alten mathematischen Problemen interessiert. Er erfährt für seine Gröbner-Basen und den Buchberger-Algorithmus bemerkenswerte internationale Beachtung. Sie gehören noch heute zu den meistzitierten wissenschaftlichen Erkenntnissen, die österreichische Mathematiker je publiziert haben.

Der Computer-Pionier

Gleichzeitig finden sie breiteste Anwendung, in der Robotik, Kryptographie, im Engineering oder in der Thermodynamik. Sie helfen bei der Berechnung von Flugbahnen für Satelliten ebenso wie bei der Steuerung von Zapfventilen auf Ölbohrinseln oder bei der Bestimmung der genetischen Nachbarschaft von verschiedenen Spezies in der Evolution. Tausende Wissenschafter rund um den Globus arbeiten mit den Gröbner-Basen, verfeinern sie und sind noch heute mit dem mittlerweile emeritierten Universitätsprofessor in Kontakt.

Als er 1976 im "inneren Kreis" der Mathematiker Ruhm erlangt, hat Bruno Buchberger längst eine ganz andere Karriere gestartet. Seit 1974 ist er Professor für Computer-Mathematik, 1987 gründet er das Forschungsinstitut für Symbolisches Rechnen (RISC), das er bis an die Schwelle des neuen Jahrtausends leiten wird.

Er ist Wegbereiter für Computerwissenschaften in der heimischen Universitätslandschaft, und er agiert sehr erfolgreich als Manager von Wissenstransfers. Er ist der Katalysator, der aus Software-Kenntnissen Unternehmen macht und aus Absolventen seines Institutes Entrepreneure.

Er gründet im Jahr 1989 in der Mühlviertler Landgemeinde Hagenberg einen Softwarepark – die erste Einrichtung dieser Art in Österreich, ja auf der Welt. Drei Jahre später startet er dort die erste Fachhochschule, für Informatik. Dass er der digitalen Welt in jener der alten Wissenschaften zum Durchbruch verhelfen will, erregt anfangs viel Widerstand. Erstens muss der finanzielle Kuchen unter mehr Essern aufgeteilt werden, zweitens missfällt im Elfenbeinturm, dass universitäre Forschung und Lehre in wirtschaftlichen Erfolg und in neue Arbeitsplätze umgemünzt werden sollen.

In Hagenberg entstehen mehrere Dutzend Firmen mit mehr als 1000 Arbeitsplätzen. Für Bruno Buchberger sind Wissenschaft und Wirtschaft versöhnt. Es freut ihn, dass Mathematik, Logik und Informatik heute als Einheit verstanden werden. "Das Verständnis dafür war lange Zeit bescheiden, die Luft war für Leute wie mich sehr dünn", erinnert er sich.

Buchberger hat jetzt nicht nur die Erkenntnisse seines bisherigen Lebens niedergeschrieben. Er widmet sich in seinem achten Lebensjahrzehnt auch wieder seiner alten Leidenschaft, der wissenschaftlichen Forschung. Denn trotz seiner Erfolge als Gründer und Manager eines großen Lehrbetriebes er ist ein begeisterter Denker und Mathematiker geblieben.

Forschung auf globalem Niveau

Seine Leidenschaft will er nicht mehr der Lösung mathematischer Detailprobleme widmen, sondern der Methodik – mit dem Projekt "Theorema". Auf dem Weltkongress für Mathematik 2014 in Seoul ist er in ein globales Gremium von acht Wissenschaftlern gewählt worden, das eine Art Magna Charta formulieren soll. Sie soll die Digitalisierung der "Pure Mathematics", der "reinen Mathematik", vorantreiben.

Den Computer sieht und nutzt der Wissenschafter mit Leidenschaft als das Vehikel, das schier unendliche Möglichkeiten eröffnet. Die digitale Welt stehe erst am Anfang ihrer Entwicklung, sagt er. Das Thema Software sei bloß "an der Oberfläche angekratzt". Der digitale Wandel in allen Lebens- und Wirtschaftsbereichen werde die Computerwissenschaften, basierend auf Mathematik, zum globalen Schlüsselsektor machen.

Buchberger will nach seiner Universitätskarriere mit seiner Beratungsfirma und dem Theorema-Projekt diese Entwicklung mitgestalten. So revolutionär weitere Entwicklungen auch sein werden, so unverändert müssten die Prinzipien bleiben, sagt der Wissenschaftler: genau beobachten, dann denken und erst dann handeln.

"Wir stehen immer am Anfang"

Er sei glücklich über die größte Freiheit der Menschheit: völlig unabhängig zu denken und zu forschen und alle Resultate ungestraft in Frage stellen zu dürfen. Im Buch gibt der bemerkenswerte Österreicher Einblick in sein Denken. Er übt Kritik am universitären System, aber nicht ohne Lösungsansätze zu nennen. Er schreibt, warum gerade junge Wissenschafter zu genialen Resultaten kommen. Er berichtet von Kämpfen mit der Bürokratie, den Neid in Kollegenkreisen und seine privaten Leidenschaften – meditieren und musizieren.

"Wir stehen immer am Anfang": Mit diesem Satz hat Bruno Buchberger immer wieder sich selbst und seine Mitstreiter ermutigt. Er ist auch im Alter von 73 Jahren nicht müde. An seinem Plan, talentierte junge Ausländer ins Land zu bringen und dem Land internationalen Standard zu verleihen, hält er unverzagt fest.

Der Geistesblitz auf dem Fahrrad

Bruno Buchberger: "Mathematik, Management, Meditation", 160 Seiten, Molden Verlag, 19,90 Euro.

 

Bruno Buchberger: Der Lebenslauf

Geboren am 22. Oktober 1942. Akademisches Gymnasium Innsbruck, von 1960 bis 1966 Studium der Mathematik an der Universität Innsbruck mit Promotion über die Theorie der Gröbner-Basen. 1973
Habilitation in Mathematik. 1974 bis 2002 Ordentlicher Universitätsprofessor an der Johannes Kepler Universität Linz für Computermathematik am Forschungsinstitut für Symbolisches Rechnen (RISC), dessen Vorstand er bis 1999 ist.

1990 Gründung des Softwareparks Hagenberg (Bezirk Freistadt), der auf mehr als 60 Firmen und Institute mit mehr als 1000 Arbeitsplätzen anwächst und den Buchberger bis 2013 leitet. Er initiiert die Fachhochschulen in Österreich und gründet eine erste in Hagenberg, die heute rund 1500
Studienplätze hat.

1991 Mitglied der europäischen Akademie der Wissenschaften, Ehrendoktorate der Universitäten Nijmwegen
(Niederlande), Timisoara
(Rumänien) und Bath (Großbritannien). 2010 „Österreicher des Jahres“ in der Kategorie Forschung.

Buchberger leitet das internationale Projekt „Theorema“, das sich mit automatischen Beweisen für mathematische Sätze beschäftigt. Er ist als Berater tätig, hält Seminare und will sein Vorhaben verwirklichen, Linz zu einer Bildungsstätte für 20.000 junge Talente aus aller Welt zu machen.

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Artikel Josef Lehner 23. Juli 2016 - 00:04 Uhr
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