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Der Erzählkünstler: Folke Tegetthoff

"Wir können ganz einfach wegsehen, aber nie weghören", sagt Folke Tegetthoff. Welche spannenden, interessanten und faszinierenden Dinge es beim Festival "linzSTORY" zu hören gibt und was genau ein "iBuch" ist, erzählt er im Interview.

Der Erzählkünstler

Folke Tegetthoff weiß, wie man das Publikum mit Geschichten fesselt. Bild: VOLKER WEIHBOLD

1,6 Millionen verkaufte Bücher sind nur ein Beweis des Erfolges, der den steirischen Märchenerzähler Folke Tegetthoff seit Jahren begleitet. Mit seinem "30. Internationalen Storytelling Festival" macht der 63-Jährige auch in Oberösterreich Station. "linzSTORY" geht von 26. bis 30. Mai im Linzer Brucknerhaus und im Lentos Kunstmuseum über die Bühnen.

 

Was macht gutes Erzählen aus?

Authentizität. Wir reden alle vom Erzählen, reden alle von der Geschichte. Das ist ein ganz typisches Zeichen unserer Zeit – weil wir meinen, dass es um die Geschichte geht, um den Erzähler, um das Erzählen. Es geht aber nicht um die Geschichte, nicht um den Erzähler, nicht um das Erzählen, es geht ausschließlich um den Zuhörer. Nur wenn ich jemanden finde, der meiner Geschichte zuhört, dann wird die Geschichte lebendig. Wenn das nur aus meinem Mund kommt, dann stehe ich in einem Wald und erzähle den Bäumen die Geschichte.

Sie sagen, dass sich das Geschichtenerzählen von seinem Image befreien muss, von jenem der alten Oma im Schaukelstuhl. Heutzutage werden Geschichten oft über Social Media, über Kanäle wie Facebook oder Instagram erzählt. Fehlt diesen Geschichten etwas?

Es wäre verfroren und dumm zu sagen, nur meine Erzählkunst ist die richtige. Wenn wir uns die Menschheitsgeschichte anschauen, dann sind ständig ganz wesentliche und wichtige Errungenschaften dazugekommen, die den Menschen ganz dramatisch verändert haben – und jetzt ist es eben wieder so. Wir dürfen nicht vergessen, wir leben in einer völligen Welt der Bilder. Das hat logischerweise zur Folge, dass das Akustische, das hörende Element zurückgedrängt wird. Das ist klar – wird das Auge wichtiger, muss das Ohr weniger wichtig sein. Das war vor 600 Jahren im Mittelalter genau umgekehrt. Da war unsere Welt eine rein akustische. Und zwar aus einem ganz bestimmten Grund: Fast keiner konnte lesen und schreiben. Das war einer Handvoll Männern vorbehalten. Aber auch wir nutzen für das Festival die Magie eines Social-Media-Kanals wie YouTube. Dort finden wir oft Künstler, die unglaubliche Dinge können und die wir dann zum Festival einladen.

Mit dem Festival bringen Sie auch meterhohe "iBücher" nach Linz. Was war die Idee hinter dem iBuch?

Die Idee war, ein Denkmal für das Lesen zu schaffen. Das Buch ist für mich ein schwerkranker Patient, der im Bett liegt und mit Elektroschocks am Leben erhalten wird, aber alle wissen, wo es hingeht. Es gibt jetzt die erste Generation, die sich zu sagen traut: Ich lese kein Buch. Bis jetzt war es so, dass ich durch das Schenken eines Buches gezeigt habe: Ich bin ein Bildungsbürger und ich glaube auch daran, dass der Beschenkte ein Bildungsbürger ist, der ein Buch liest. Dass das nicht mehr so ist, daran ist meine Generation schuld. Wir haben das Handy erfunden, wir haben das Handy zu einem neuen Körperteil mutieren lassen. Dem wollte ich etwas entgegensetzen. Das iBuch hat mehrere Funktionen. Es kann sich öffnen, dann ist es eine Bühne, jedes Buch hat auch eine Social-Media-Funktion. Es ist wie ein lebender Organismus, der antwortet.

Sie betonen bei diesem Festival neben den verschiedenen Kulturen auch ganz besonders die verschiedenen Religionen, denen die Erzähler angehören. Warum?

Aus gegebenem Anlass. Auf Grund unserer christlichen Prägung, die natürlich da ist, wird alles, was neu, was fremd ist, mit Skepsis betrachtet. Ich glaube, dass man keine Religion besser erklären kann als mit Geschichten. Das beweist ja auch, dass die wichtigsten Schriften der Menschheit – ob das die Bibel ist, der Koran, der Talmud – immer Sammlungen von Geschichten sind. Weil man schon früh erkannt hat, dass, wenn man in Gleichnissen spricht, wenn man einfache Bilder im Kopf des anderen entstehen lässt, sie dort besser abgespeichert werden. Das sind alles Dinge, die wir heute wissen, auch wissenschaftlich untermauert. Alle erzählen vom Gleichen, die Hoffnungen, die Ängste sind überall gleich.

Können wir nicht mehr zuhören?

Doch. Das ist ein genetischer Code, mit dem wir auf die Welt kommen. Es gibt den wunderschönen Satz "Das Auge bringt uns in die Welt, aber das Ohr bringt die Welt in uns". Es kommt nicht von ungefähr, dass das Ohr und der Sinn "Hören" das Erste ist, was in unserem Körper entwickelt ist. Es ist uns nur wahnsinnig schwer geworden, aus unterschiedlichsten Gründen, dieses Zuhören in unserem Alltag einzusetzen. Zum einen, weil wir in einer Welt der Bilder leben, zum anderen, weil die Welt unglaublich laut geworden ist. Wir können ganz einfach wegsehen, aber niemals weghören. Wir nehmen die Welt 24 Stunden auf. Weil die Welt so unglaublich laut geworden ist, mussten wir einen Filter vorschieben, sonst wären wir verrückt geworden. Und oft sind wir nicht mehr fähig, den Filter wieder wegzunehmen.

 


Folke Tegetthoff: Mehr als 40 Bücher hat der Autor bis jetzt verfasst. Seine "Liebesmärchen" und seine "Kräutermärchen" sind besonders bekannt. Tegetthoff hat vier Kinder und lebt in der Steiermark.

Festival: Bereits zum 30. Mal findet heuer von 26. Mai bis 18. Juni das "Internationale Storytelling Festival", das Festival der Erzählkunst, statt – und zwar in der Steiermark, in Wien, in Niederösterreich und im oberösterreichischen Linz.

linzSTORY: 23 Künstlerinnen aus 12 Nationen werden von 26. bis 30. Mai im Brucknerhaus und im Lentos Kunstmuseum zu sehen sein. Genauere Infos und Karten unter www.linz-storytellingfestival.at

iBuch: Das erzählende Buch Mobile und interaktive Bühnen in Form eines Buches – das verbirgt sich hinter dem "iBuch". Drei Varianten dieser Installationen gibt es, die während des "linzSTORY"-Festivals im Brucknerhaus zu sehen sein werden. Auf den Außenflächen sind Kunstwerke zu bestaunen, auch Social-Media-Interaktionen sind möglich.

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Artikel Julia Evers 19. Mai 2017 - 00:04 Uhr
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