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"Antigone" – lieber Mord und Totschlag in der Familie als Freunderlwirtschaft

Schauspielchef Stephan Suschke bringt heute Sophokles' 2500 Jahre alten und für die Ewigkeit gültigen Klassiker im Linzer Schauspielhaus zur Premiere.

"Antigone" – lieber Mord und Totschlag in der Familie als Freunderlwirtschaft

Stephan Suschke, Schauspieldirektor des Landestheaters Bild: VOLKER WEIHBOLD

442 vor Christus hat Sophokles mit "Antigone" ein für alle Zeit gültiges Drama erschaffen. Im Linzer Schauspielhaus steigt heute die Premiere in der Chef-Regie: Stephan Suschke (59), der Schauspiel-Verantwortliche, inszeniert den Stoff über den frisch eingesetzten Theben-Herrscher Kreon und sein Verbot, den getöteten Verräter Polyneikes zu beerdigen, dem sich Antigone widersetzt.

 

OÖNachrichten: Als erfahrener Theaterrecke werden Sie in unterschiedlichen Lebensphasen immer wieder über "Antigone" gestolpert sein. Wie hat sich Ihr Blick auf dieses Drama im Laufe der Jahre verändert?

Stephan Suschke: Sie sprechen genau den Punkt an: Wenn man 20 ist, steht man mit der ganzen Kraft der Jugend auf der Seite von Antigone – gegen die alten Säcke. Und das Tolle an diesem Stück sind die unterschiedlichen Komponenten: Da gibt es die gesellschaftliche Frage zwischen Individuum und Staat, also zwischen Antigone und König Kreon; zwischen Jung und Alt, außerdem zwischen Mann und Frau. Aus diesem Stoff haben Autoren später zehn Stücke gemacht, Sophokles hat nur eines gebraucht. Wenn man älter wird, versteht man Kreon besser. Und wenn man dann so alt ist wie ich, dann wird es interessant und schwierig zugleich.

Weil man sich im Laufe eines Lebens selbst zu Kreon entwickelt?

Das ist Ihre journalistische Bösartigkeit – ich würde sagen: dass man sich zu Kreon entwickeln musste. Nein, ernsthaft: In meinem Alter versteht man beide. Das Spannende an diesem Stück sind eben die auflösbaren Widersprüche. Da Österreich gerade vor Wahlen steht: Kreon wurde einen Tag zuvor als König eingesetzt, an diesem Tag verkündet er ein Postulat: Der getötete Polyneikes darf nicht bestattet werden, weil er das Land verraten hat. Und daran wird Kreon gemessen. Er kann also gar nicht zurück, als sich Antigone – Polyneikes Schwester – diesem Verbot widersetzt. Zum Zeitpunkt der Verkündung ahnt Kreon nicht, dass ihn genau das in seinem Innersten treffen wird. Antigone ist ja auch die Braut seines Sohnes Haimon (beide bringen sich übrigens um, Anm.). Und Kreon hat betont, dass er gegen jede Form von Freunderlwirtschaft ist.

Also wird die Staatsaffäre zur Familientragödie.

Genau – und da wird es auch für die Gegenwart interessant. Dieser Kreon verkörpert das Recht. Diese staatspolitische Komplexität sieht man als 20-Jähriger nicht. Es ist ja Kreons erste Rechtsprechung – und wenn er die zurücknimmt, dann nimmt er den Rechtsstaat zurück. Die Gefahr des persönlichen Machtverlustes ist groß, aber wenn man es nun nicht so simpel Trump-mäßig betrachtet, dann sind die Folgen noch verheerender: Wenn sich der Rechtsstaat auflöst, werden wir weder auf den Straßen noch in unseren Wohnungen sicher sein. Ob unsere aufgeklärte Freundlichkeit Kreons Entscheidung gutheißt, ist eine andere Geschichte. Zusätzlich komplex wird es, weil Antigone als Frau ja aus dem Reich der Mütter kommt.

Inwiefern?

Das ist eine metaphysische Welt, auch eine religiöse, wenn Sie so wollen. Und der Staat von Kreon ist eine sehr aufgeklärte Welt. Da stellt sich erstens die Frage, wer die religiösen Gesetze geschaffen hat. Die sind ja nicht vom Himmel gefallen, sondern wurden im Interesse von Machterhalt von Menschen formuliert. Also gerät Antigones Rechtmäßigkeit in Widerspruch mit dem Recht des Staates. In Spanien haben wir aktuell ein ähnliches Problem: Dort vertreten Spanier und Katalanen ihre jeweils unterschiedliche Rechtsauffassung. Durch die Unfähigkeit, einander zuzuhören und zu verstehen, wird die Sache beinahe unlösbar, obwohl beiden Seiten zu raten wäre, mit einer empathischen Rationalität zu handeln.

Warum wollten Sie diesen Klassiker unbedingt auf dem Spielplan haben?

Das hat einerseits mit dem Thema "Für immer jung" zu tun, mit dem unsere Spielzeit überschrieben ist. Und es spricht für unsere seherische Kraft: Wir haben gewissermaßen geahnt, dass die Premiere zwei Tage vor der Nationalratswahl stattfindet (lacht). Wir haben die Machtverhältnisse als so desolat erkannt, dass am 15. Oktober gewählt wird. Deshalb haben wir uns auch nicht gescheut, die Premiere am Freitag, den 13., zu machen. Wenn schon seherische Fähigkeiten, dann muss man das Schicksal auch herausfordern.

Dieser Antigone-Stoff hat sich in 2500 Jahren mit so vielen Themen aufgeladen: mit Terror, mit der Frauenbewegung und mit vielem mehr. Entkommen Sie all dem oder integrieren Sie es?

Zuerst hatten wir diesen Theaterabend mit einem monumentalen Raum konzipiert. Relativ kurz vor den Bauproben haben wir das Konzept umgeworfen und uns angestrengt, den Abend diskursiver zu denken. Mit diskursiver meine ich, vieles davon, was sich da in 2500 Jahren angesammelt hat, mitzuverwenden – in Form von Videoproduktion, in Form einer Ästhetik nach Brecht. Natürlich liegt der Schwerpunkt auf den Schauspielern, aber ich hoffe, dass alles andere zu produktiven Störungen führt.

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Artikel Peter Grubmüller 13. Oktober 2017 - 00:04 Uhr
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