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Als das Annamirl Amerika eroberte

In einem Linzer Seniorenheim lebt mit Anna Radner (94) ein vergessener "Weltstar" der 1950er- und 1960er-Jahre.

Als das Annamirl Amerika eroberte

A resche Linzerin: Anna Radner, genannt Annamirl (2.v.re.) und die „Mühlviertler Nachtigall“. Bild: privat

"Drum bin i aus da Mittn drin, a resche Linzerin."

Manchmal hört man aus dem Zimmer mit der Nummer 137 im Seniorenzentrum in der Linzer Sombartstraße noch diese fidele Stimme. Sie gehört Anna Radner, die dort ein sehr bescheidenes und zurückgezogenes Dasein fristet, und niemand weiß so recht, warum immer wieder gerade dieses Lied. Vor gut 50 Jahren hat sie als "Annamirl" oder "Mühlviertler Nachtigall" mit diesem von ihr selbst komponierten und getexteten Lied ganze Hallen in Tanz- und Mitsinglaune versetzt. In Linz und in Wels, in Klagenfurt, in Köln und in München. Aber auch in New York, San Francisco und Chicago, wo sie zwei Mal mit ihrem Entdecker, dem Praxmair Toni aus Kitzbühel, auf Tournee war.

Damals in den 1950ern und 1960er war sie als Annemarie Leitner tatsächlich ein Star. Ihre Bühne war das Linzer Landestheater genauso wie der Urfahraner Jahrmarkt oder das Welser Volksfest.

Ein Star in Amerika ...

"Ob ich ein Star war? Na ja, schon – wie man halt so zu sagen pflegt. Ich hatte viele Verehrer, ich war jung und fesch und sehr temperamentvoll." Jetzt leuchten die Augen vom Annamirl wieder, ihre Lippen spitzt sie zu einem spitzbübischen Lächeln, und sogleich stimmt sie den Erzherzog-Johann-Jodler an: "Hollajedl du i rüh ..."

Die Karriere der 94-Jährigen begann schon im Kindesalter. Ihre glockenhelle Stimme war schnell aufgefallen. Der Vater, ein Geigenspieler und Dirigent der Musikkapelle in Gallneukirchen, förderte die Tochter. Später genoss sie eine Gesangsausbildung im Brucknerkonservatorium. Dort wurde man auf sie aufmerksam, das Linzer Landestheater engagierte das Annamirl und hatte fortan einen echten Publikumsliebling, weil die junge Sängerin mit ihrem überschwänglichen Temperament so etwas wie ein Prototyp für die Operette war. "Mich hat es aber weitergezogen, ich wollte nicht immer an ein und demselben Platz singen."

"Leider", fügt ihre Nichte Ingrid Braun hinzu, die Anna Radner fast täglich im Seniorenheim in Dornach besucht und viele Zeitungsausschnitte und Fotos von damals gesammelt hat, "weil sie hätte ein echter Operetten-Star werden können." Und das Annamirl fügt an: "In Amerika, da hätt’ ich schwerreich heiraten können. Ich habe damals so viele Autogramme schreiben müssen, ja bist ned g’scheit."

... und bei den Linzer Buam

Bei der Rückkehr aus dem Land der unbegrenzten Möglichkeiten macht ihr ein bekannter Linzer Musiker ein Angebot: Robert Thaller, der Gründer und Leiter der legendären Linzer Buam: "Sing bei uns mit, Annamirl!" Diese Begegnung jährt sich in diesen Tagen zum 67. Mal. Die Linzer Buam tingelten von einem Volksfest zum anderen, immer mit dem stets fidelen und lustigen Fräulein als Zugpferd: "Das Annamirl macht’s schon."

Dann lernt sie ihren Mann Alfred kennen, 1951 wird geheiratet, die Ehe bleibt kinderlos. Zunächst geht die Karriere der Frau vor allem in Deutschland mit vielen Soloauftritten weiter, gemeinsam steht sie mit Peter Alexander, Toni Sailer oder Trude Herr – alles Stars dieser Zeit – auf der Bühne.

90 und kein Jahr älter

Als die Firma ihres Mannes – er erzeugt Plastikkübel unter anderem für Efko – immer mehr floriert, verlässt Anna Radner nach und nach die Bühne. Nach 63 Ehejahren stirbt Alfred Radner 2014. Die ehemals "resche Linzerin" zieht sich immer mehr zurück. Im Seniorenheim fühlt sie sich wohl. An ihre von vielen längst vergessene Karriere erinnert sie sich nur selten zurück. "Ich singe auch nicht mehr so gerne. Da kommt nix G’scheites mehr heraus", sagt das Annamirl, das vor vier Jahren – anlässlich ihres 90. Geburtstags – beschlossen hat, für immer 90 zu bleiben. Zum Abschied steht sie aber noch einmal auf und gibt ein finales Ständchen zum Besten: "Guten Abend, gut’ Nacht ..."

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Artikel Helmut Atteneder 20. Juni 2017 - 00:04 Uhr
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