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Alf Poier: "Ich habe mich nie kaufen lassen"

Kaum ein Kabarettist polarisiert wie Alf Poier. Den OÖN erklärte er, worauf er verzichtet hat, um er selbst sein zu können, und warum er am liebsten immer auf seinen Bauch hören möchte.

"Ich habe mich nie kaufen lassen"

Die Taube in seiner Hand ist zwar nicht echt. Aber Alf Poier versucht jeden Tag, in der Natur zu sein. "Man darf das Innehalten nicht verlernen. Sonst ist man bloß noch eine Maschine." Bild:

Seit 20 Jahren steht Alf Poier, 50, auf der Bühne. Bald auch wieder in Oberösterreich (mehr in der Box). Man kennt ihn als schrägen Kleinkunst-Vogel, doch im Netz überrascht er gerade mit der gefühlvollen, ernst gemeinten Austropop-Nummer "I hob’s gsehn".

Zugegeben: Ich habe keinen ernsten Song erwartet, sondern mich gefragt, ob Sie etwa Andreas Gabalier parodieren?

Nein überhaupt nicht! Es ist eine schöne, ernsthafte Nummer geworden. Damit habe ich mir selbst eine Freude zum 50. Geburtstag gemacht. Ich habe mich gefragt: Muss ich etwas Schräges machen, nur weil ich für Schräges bekannt bin? Nein.

Dass Sie Musiker sind, weiß man. Wie aber hat Ihre Liebe dazu überhaupt begonnen?
Und wann wurden Sie Austropop-Anhänger?

Ich habe schon mit 13, 14 Jahren gespielt – bei Hochzeiten, Pfarrbällen, Krampuskränzchen. Wir waren damals bestimmt die jüngste Tanzkapelle Österreichs. Keiner hat einen Führerschein gehabt. Der Papa von unserem Keyboarder war Feuerwehrhauptmann, und deshalb sind wir jedes Wochenende von der Feuerwehr zu unseren Auftritten gebracht worden. Die Tanzkapelle war das Höchste! Doch dann wollte ich das irgendwann nicht mehr und Austropop und Rainhard Fendrich waren bei mir "in". Ich habe unzählige Lieder geschrieben, bin damit von einer Plattenfirma zur anderen. Aber niemand wollte mich.

War der 50er ein Anlass , eine Zwischenbilanz zu ziehen?

Für mich grundsätzlich nicht. Aber ich bin zu diesem Jubiläum zu vielen Interviews gebeten worden. Das hat mich sehr gefreut. Und wenn man so viele Fragen dazu gestellt bekommt, denkt man auch darüber nach. Für mich ist es letztlich aber so: Das Alter tut nur dann weh, wenn man ein Leben gelebt hat, dass man nicht leben wollte.

Das ließen Sie nicht zu?

Ich habe in meinem Leben so gehandelt, dass es zuerst oft unvernünftig gewirkt hat. Wenn mir etwas nicht getaugt hat, dann habe ich es nicht gemacht. Der Bauch hat immer Recht, der Kopf steht für die Vernunft, er ist der Platz des Gewissens, das die Eltern dort installiert haben, und dir sagt: Du musst Lehrer werden, du musst zur Bank gehen, dort hast du einen sicheren Job. Ich habe bei großen Lebensentscheidungen immer auf den Bauch gehört, denn der lügt nie.

Das ist aber schwierig ...

Es ist oft eine Überwindung, auf den Bauch zu hören. Der Kopf hat mir zum Beispiel gesagt: Du kannst nicht schon wieder kündigen. Ich habe ja um die 40 Mal gekündigt, bevor ich Kabarettist geworden bin. Aber letztlich hat es sich ausgezahlt. Ich habe mich nie kaufen und instrumentalisieren lassen. Da gehöre ich zu den wenigen in diesem Land und auch zu denen, die viel Geld liegen gelassen haben.

Wo zum Beispiel?

Bei meiner Karriere in Deutschland. Da war ich schon Gast in den großen Fernsehshows und habe in riesigen Hallen gespielt. Dann habe ich aber gesagt: Ich mag’ nimma, diese Dimensionen – das bin ich nicht mehr. Ich habe auf viel verzichtet, damit ich das sein kann, was ich bin.

Trotzdem scheint es, als wären Sie permanent auf Tour.

In letzter Zeit weniger. Ich habe fast nicht können, weil mein Magen nach 20 Jahren Vollgas so kaputt war. Wir sind ja Hunderttausende Kilometer gefahren. Ich bin dabei zu einem richtigen Endorphin-Junkie geworden. Die körpereigenen Drogen habe ich ja nicht beim Staubsaugen, Abwaschen oder Kochen. So deppert das auch klingt, aber man sitzt nach einer Show, die einen gefordert, auch ausgelaugt hat, vollkommen glücklich in der Garderobe.

Wenn Sie ständig auf Achse sind, wie finden Sie eine Verbindung zum Zeitgeschehen?

Ehrlich gesagt, schaue ich mir gar nichts an. Fernsehen tu’ ich so gut wie gar nicht, Radio höre ich überhaupt nicht. Ich habe immer Unmengen an Büchern bei mir herumliegen zu Themen, die mich interessieren, speziell zum "Bewusstsein".

Und was Kabarett betrifft?

Da habe ich mir schon lange nichts mehr angeschaut. In Österreich ist für mich sowieso Josef Hader das Höchste der Gefühle, in Deutschland Helge Schneider. Aber die Masse an Comedians, die auftaucht, interessiert mich nicht. Weil ich dabei eher das Gefühl habe, dass zu wenig Tiefe, zu wenig Individualität dahintersteckt. Zu vieles ist rein auf Stand-up-Comedy und auch zu berechnend aufgebaut, zum Beispiel mit dem Mann-Frau-Thema. Dazu kann man immer etwas sagen.

Zumindest sollte es "etwas" sein, das Substanz hat .

Ich denke, wenn du präsent, präsent und noch einmal präsent bist, dann kommen die Menschen zu dir. Egal, was du machst. Ich denke auch, dass jede Generation ihre Helden hat. Die 20-Jährigen kennen halt keinen Willy Astor mehr und die glauben deshalb, alles was der Paul Pizzera jetzt macht sei neu und habe es noch nicht gegeben.

Ist das der Künstler Poier, der polarisiert?

Oft, wenn ich eine Aussage gemacht habe, die nicht konform war – was ich ja oft tue – hat es dann geheißen: Herr Poier hat eine unüberlegte Aussage gemacht. Aber nein! Ich habe mir sie sehr wohl überlegt und sie bewusst gesagt.

Termine

Mit dem Programm „The Making of Dada“ tritt Poier am 2. Juni, 20 Uhr, im Posthof Linz auf. Karten via OÖN-Tel. 0732/7805-805.
Am 30. Juni, 19 Uhr, beim Gründungsfest des Sportvereins in Eggelsberg. Karten:
Ticketing-usv@gmx.at

Zur Person 

Im Grunde muss man ihn nicht vorstellen, denn nicht erst seit seinem Song-Contest-Auftritt 2003 ist Kabarettist Alf Poier weit bekannt (Platz 6 mit „Weil der Mensch zählt“). 2015 feierte der Burgenländer 20 Jahre Bühnenleben. Der
Ex-Laufsportler und Autor („Mein K(r)ampf“) ist auch Liedermacher („This Isn’t It“). Jahrelang schuf Poier Kunstobjekte, die ins Absurde gehen. Das Bank Austria Kunstforum Wien widmete seinem „dadaistischen Gesamtkunstwerk“ eine Retrospektive.

Aufreger: Poier, der heuer 50 wurde, ist ein Künstler der provoziert und daher polarisiert. 2014 schoss er mit seiner
Kritik an Conchita Wurst über das Ziel hinaus, es folgte eine Entschuldigung.

 

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Artikel Nora Bruckmüller 26. Mai 2017 - 11:55 Uhr
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