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Aida – ein Psychokrimi gegen religiösen Extremismus

Salzburger Festspiele: Die Premiere der Verdi-Oper wurde zum Triumph für Regisseurin Shirin Neshat und Riccardo Muti

Anna Netrebko (Aida) Bild: BARBARA GINDL (APA/BARBARA GINDL)

Aida – allein das Wort klingt längst nach Menschenmassen auf Kreuzfahrten oder nach kolossaler Pyramiden- und Elefanten-Ausstattung, zu der sie im zweiten Akt den Triumphmarsch blasen. Die als Musiktheater-Höhepunkt dieser Salzburger Festspiele herbeigesehnte Aida ist der konsequente Gegenentwurf entwürdigender Verramschung.

Über all dem funkelte Anna Netrebko in ihrem Rollendebüt mit bemerkenswert dramatisch gereifter Stimme und unfassbar präzisen Höhen. Zwei, drei Buhrufe für die Regie hatten nach der Premiere am Sonntag gegen die überwältigende Zustimmung des Publikums im Großen Festspielhaus keine Chance.

Shirin Neshat, die iranische Foto- und Filmkünstlerin, hat sich in ihrer allerersten Operninszenierung mit Dirigent Riccardo Muti auf das Herausarbeiten der Zartheit von Giuseppe Verdis 1871 uraufgeführter Komposition verständigt. Muti leitete die ausgezeichneten Wiener Philharmoniker zu kammermusikalischer Präzision an. Auf der Bühne offenbarte sich ein weißer Kubus wie eine riesige, in zwei Hälften geschnittene Styropor-Kühlbox (Bühne: Christian Schmid, Kostüme: Tatyana van Walsum).

Dieser Kasten ist alles: Tempel, Nildelta, Verhandlungssaal, Triumphtribüne, Vaterversteck, Grabstätte und Projektionsfläche eines Videos tatsächlicher Flüchtlinge, die Kameramann Martin Gschlacht in Wien gefilmt hat. Wie ein Traumbild wird der Kasten verwunschen umtanzt von sechs dämonischen Männern mit Rinder-Totenköpfen.

Das mag manchen zu wenig Tamtam, zu wenig Figurenregie, zu wenig Schautheater gewesen sein, aber gerade Neshats Reduktion akzentuierte die Psychologie jener Dreiecksbeziehung, deretwegen Aida zu Herzen geht (nicht nur wegen Netrebko): die Rivalität der ägyptischen Königstochter Amneris mit der äthiopischen Sklavin Aida, Amneris’ unerfüllte Liebe zum ägyptischen Feldherrn Radamés und dessen unerschütterlich große Gefühle für Aida.

Die Wirkung steigerten die langsamen Tempi, die mit jedem Akt besser werdende Mezzosopranistin Ekaterina Semenchuk als Amneris und der vom Start weg heroisch souveräne Francesco Meli als Radamés. Er und Netrebko taugen zum Verdi-Traumpaar. Ernst Raffelsberger hat das Kunststück geschafft, die Kraft des Wiener Staatsopernchors mit dieser fragilen Atmosphäre zu balancieren.

Als die Priester Radamés wegen dessen Verrat am ägyptischen Volk aus Liebe zu Aida zum Tode verurteilen, kommentiert Neshat die anschwellende Macht religiöser Extremisten mit vergrößerten Konterfeis der klerikalen Henker. Der Kubus schließt sich zur Gruft, in der Radamés und die heimlich zu ihm geschlichene Aida lebendig begraben werden. Dieses Opernerlebnis wird bleiben.

 

 

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Artikel Peter Grubmüller 07. August 2017 - 16:12 Uhr
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