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Wohlstandserkrankung Gicht ernst nehmen

Bild: shutterstock

Wohlstandserkrankung Gicht ernst nehmen

Der große Zeh schmerzt so stark, dass man bei der kleinsten Berührung schreien könnte. Das Zipperlein, die „Krankheit der Könige und Fürsten“, wie die Gicht früher genannt wurde, ist heute eine Wohlstandserkrankung. Ohne Umstellung in der Ernährung geht in der Therapie nichts.

21. Juli 2017 - 00:02 Uhr

Die Gicht war einst „Privileg“ der Reichen und ist heute in den hochentwickelten Industrieländern in allen Bevölkerungsschichten anzutreffen. Diese entzündlich rheumatische Erkrankung der Gelenke ist eine äußerst schmerzhafte Angelegenheit. Während eines Gichtanfalls im großen Zeh ertragen Betroffene das Gewicht der Bettdecke kaum.

Gicht ist eine rheumatische Erkrankung und darüber hinaus eine Stoffwechselstörung. Diese durch Kristalle ausgelöste Arthritis wurde schon im Altertum beschrieben. Heute hat bis zu einem Viertel der Bevölkerung einen erhöhten Harnsäurespiegel, genannt Hyperurikämie, und jeder Zehnte davon leidet unter Gicht.

Risikofaktoren Übergewicht, Alkohol und zu viel Fleisch

Männer sind zehnmal häufiger betroffen als Frauen. Rund acht Prozent der Männer über 65 Jahren und drei Prozent der Frauen über 85 Jahren leiden unter symptomatischer Gicht. Als Risikofaktoren gelten Alter, Geschlecht, eine genetische Disposition, chronische Nierenerkrankung, purinreiche Kost, Alkoholkonsum, Übergewicht und bestimmte Medikamente.

Mediziner unterscheiden zwei Formen und vier Stadien der Gicht:

  • Primäre idiopathische Gicht:
    Ursache ist ein angeborener Stoffwechsel-Defekt, bei dem von Geburt an der Harnsäurespiegel im Blut erhöht ist, was zwei Gründe haben kann. In 90 Prozent der Fälle ist ausschlaggebend, dass die Niere weniger Harnsäure ausscheidet als im Blutkreislauf zirkuliert, sodass sich langfristig zu viel Harnsäure im Körper ansammelt. In selteneren Fällen wird die Gicht von einem Enzymdefekt verursacht, der den Körper dazu anregt, überproportional viel Harnsäure zu produzieren. Man schätzt, dass bis zu 99 Prozent der Patienten eine Veranlagung in sich tragen. Ob diese zum Ausbruch kommt, bestimmen auch Lebensstil und Essgewohnheiten mit. Diese primäre Gicht lässt sich gut unter Kontrolle bringen, wenn der Betroffene zum Beispiel seine Kost umstellt.
  • Sekundäre Gicht:
    Das Ungleichgewicht zwischen Harnsäureproduktion und -ausscheidung kann Folge einer Vorerkrankung sein. So können Leukämie, Nierenerkrankungen, Diabetes Mellitus, Anämien und Tumore eine sekundäre Form begünstigen. Aber auch die Einnahme von Zytostatika bei einer Chemotherapie, von Entwässerungsmitteln sowie Schmerztabletten mit Acetylsalicylsäure können Gicht forcieren, weil sie das Ausscheiden der Harnsäure verhindern. Auch Übergewicht fördert Gicht, da die Nieren Harnsäure nicht mehr schnell genug abbauen können. Unbehandelter Bluthochdruck kann ebenfalls zu Gicht führen.

Man kennt verschiedene Stadien der Erkrankung

  1. Hyperurikämie:
    Sie bezeichnet den Zustand von erhöhter Harnsäure im Blut ohne Beschwerden. Bis zu einem Gichtanfall können Jahre bis Jahrzehnte vergehen. Wenn keine Risikofaktoren vorhanden sind, ist in dieser Phase noch keine medikamentöse Behandlung erforderlich. Purinarme Kost ist ratsam.
  2. Akuter Gichtanfall: 
    Bei Überschreitung der Löslichkeit der Harnsäure (mehr als 6,5 mg/dl Blut) kommt es zur Ausfällung von Harnsäurekristallen, die sich in Gelenken, Schleimbeuteln etc. ablagern. Der akute Gichtanfall trifft jemanden „wie aus heiterem Himmel“, oft nachts. In den meisten Fällen schwillt das Grundgelenk der großen Zehe an, ist gerötet und warm. Jede Berührung verursacht starke Schmerzen. Auslöser für den Anfall sind oft Stress, ein opulentes Mahl mit ausreichend Alkoholgenuss, aber auch eine Fastenkur, Operationen, Kälte oder Überanstrengung. Im Regelfall ist nur ein Gelenk betroffen. Es können auch Sprunggelenk, Knie-, Hand- und Fingergelenke mit dieser, durch abgelagerte Harnsäurekristalle verursachten, Entzündung reagieren.
    Die Symptome klingen auch ohne medikamentöse Behandlung innerhalb eines Zeitraumes von mehreren Tagen wieder ab. Bis zum nächsten Gichtanfall können bis zu zwei Jahre vergehen. Die Harnsäure im Blut kann, muss aber im akuten Anfall nicht erhöht sein. Allgemeinreaktionen wie Fieber und Krankheitsgefühl können dazukommen.
  3. Gichtarthritis im Intervall (Zeitraum zwischen zwei Gichtanfällen):
    Zwischen den akuten Gichtanfällen verspüren die Patienten keinerlei Beschwerden. Jedoch sollte eine medikamentöse Behandlung eingeleitet werden, da Gicht sonst chronisch werden und sich verschlimmern kann.
  4. Chronische Gicht:
    Viele Patienten lassen sich nicht behandeln und leben von einem Gichtanfall zum nächsten, beziehungsweise von einem beschwerdefreien Intervall zum anderen. Dieses Abwarten begünstigt die Entstehung der chronischen Gicht und bleibt nicht ohne Folgen. Es bilden sich Harnsäurekristalle, die langfristig die Gelenke zerstören und die Nieren gefährden, wenn Nierensteine zu einer chronischen Niereninsuffizienz (Gichtniere) führen.
    Diese in Knötchenform abgelagerten Harnsäurekristalle werden als Tophi bezeichnet. Sie können sich auch in Schleimbeuteln, Sehnenscheiden, unter der Haut (etwa in der Ohrmuschel) und selbst in Organen wie der Niere, im Herzmuskel oder an den Herzklappen finden.
    Sind sie nachweisbar, spricht man von der chronisch-tophösen Gicht. Der erhöhte Harnsäurespiegel im Blut kann auch zu Bluthochdruck und Gefäßschädigungen führen.
    Die Diagnose dieser Gichtarthritis mit Harnsäurekristallablagerungen war früher nur durch Analyse der Gelenksflüssigkeit nach Gelenkspunktion möglich. Seit einigen Jahren kann die Untersuchung mit einem speziellen CT-Gerät den Nachweis der Ablagerungen ohne Punktion erbringen. Innerhalb von wenigen Minuten hat man einen Überblick, ob und wo Gichtkristalle abgelagert sind. Das hilft bei der Optimierung der Therapie.

Konsequent behandeln und Lebensstil umstellen

„Als Erste Hilfe bei einem Gichtanfall gelten entzündungshemmende Schmerzmittel, Ruhigstellung und Kältetherapie wie etwa ein Topfenwickel“, sagt die Linzer Rheumatologin Dr. Andrea Trenkler vom Ordensklinikum Linz-Elisabethinen. Im Akutfall werden keine Harnsäuresenker verordnet.

Ziel der Langzeittherapie ist es, die Harnsäure unter 6 mg/dl zu senken, um eine Chronifizierung der Erkrankung zu verhindern. Dabei helfen Medikamente wie Urikostatika, welche die Harnsäurebildung hemmen oder Urikosurika, welche die Harnsäureausscheidung fördern. Der Wirkstoff Colchizin wird meist im akuten Gichtanfall verordnet.

Ernährungstipps für Gichtpatienten

Die Ernährungsumstellung ist ein Fixbestandteil der Therapie. Mancher kann durch Veränderung der Kost auf Dauer Gichtmedikamente reduzieren oder überhaupt eine Behandlung mit Medikamenten verhindern. Gewichtsreduktion, Bewegung, purinarme Kost, Alkohol- und Fruchtzuckerkarenz sowie ausreichende Flüssigkeitszufuhr werden empfohlen. Fettarme Milchprodukte hingegen helfen den Harnsäurespiegel zu senken. Früher wurde Gichtpatienten in der Regel auch der Genuss von schwarzem Tee, Kaffee und Kakao verboten. Heute ist bekannt, dass die Getränke zwar Purine enthalten, sie im Körper jedoch nicht zu Harnsäure abgebaut werden und damit auch den Harnsäurespiegel nicht belasten.

  • Fleisch und Wurst: Auf Innereien und Fleischextrakte sollte gänzlich verzichtet werden, rotes Fleisch und Wurst nicht öfter als zwei- bis maximal dreimal pro Woche. Bei Geflügel sollte man vor der Zubereitung die Haut, die purinreich ist, entfernen.
  • Fisch: Zurückhaltung ist geboten, denn Fisch (vor allem die Haut), Fischkonserven und Meeresfrüchte liefern viel Harnsäure.
  • Gemüse: Hülsenfrüchte wie Bohnen, Erbsen, Linsen und Soja nur selten essen, denn sie bilden große Harnsäuremengen. Aufpassen sollte man auch bei Artischocken, Brokkoli, Kohlsprossen, Lauch, Mais, Rotkraut, Schwarzwurzel und Spinat.
  • Obst: Relativ neu ist die Erkenntnis, dass auch Fruchtzucker zu erhöhtem Harnsäurespiegel führt. Gichtpatienten sollten daher Fruchtsäfte, zuckerhaltige Limonaden, süßes Obst in großen Mengen sowie Fertigprodukte mit Fruchtzucker wie etwa Fruchtjoghurt, Müsliriegel, Saucen, Dressings nur ganz selten essen oder überhaupt meiden.
  • Gebäck: Knäckebrot, Salzgebäck, Weiß- und Mischbrot in höheren Mengen erhöhen den Harnsäurespiegel.
  • Alkohol: Alkoholische Getränke – besonders Bier – sind ein Tabu. Alkoholkonsum führt zu einem raschen Anstieg von Harnsäure und hemmt gleichzeitig auch die Harnsäureausscheidung, was in der Folge die Harnsäurekonzentration erhöht. Bier enthält noch dazu beträchtliche Mengen an Purinen. Wein enthält zwar keine Purine, hat dafür einen höheren Alkoholgehalt als Bier.

 

 

Mag. Christine Radmayr

Juli 2017

 

Bild: Shutterstock

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Kommentare

„Ich schrieb schon so einiges im Bereich Rheuma und Kur. Interessanter Artikel da oben!“ p5334 Ich schrieb schon so einiges im Bereich ...

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