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Schüchtern – na und?

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Schüchtern – na und?

Schüchternheit ist Teil des persönlichen und angeborenen Temperaments. Sie ist für sich gesehen weder positiv noch negativ. Nur wenn sie Leidensdruck erzeugt, besteht Handlungsbedarf.

19. Juli 2017 - 00:02 Uhr

Schüchternheit ist keine Störung und schon gar keine Krankheit, sondern ein Teil der Persönlichkeit, eine Beschreibung eines Temperaments. Temperament ist angeboren und somit eine stabile Größe. Es legt fest, wie man auf die Umgebung reagiert, ob man sich risikofreudig oder zurückhaltend verhält.

„Das Wesensmerkmal der Schüchternheit begleitet den Menschen durchs Leben. Ein schüchternes Kind wird auch als Erwachsener noch schüchtern sein, auch wenn dieses Merkmal dann oft nicht mehr auffällt, weil der Betroffene alle soziale Kompetenzen erworben hat, die für das gesellschaftliche Zusammenleben nötig sind“, sagt Mag. Marina Gottwald, Klinische Psychologin und Psychotherapeutin in der Kinder- und Jugendpsychiatrie am Neuromed Campus der Kepler Universitätsklinik Linz.

Schüchterne Männer

Die Zahl der Schüchternen ist stabil. Auch wenn es in Zeiten der medialen Selbstdarstellung den Eindruck macht, dass jedermann auf Außenwirkung bedacht ist, sich als der Beste, Schönste oder Klügste präsentieren will, so ist in Wahrheit das Temperament ein konstanter Faktor.

Männer sind genauso schüchtern wie Frauen, auch wenn das oft nicht sichtbar wird. „Das liegt daran, dass männliche Vorbilder risikofreudig, ehrgeizig und extravertiert sind und für gesellschaftlichen Erfolg stehen. Frauen wird eher erlaubt sich so zu zeigen, wie sie sind“, sagt Mag. Gottwald.

Einfühlsame Menschen

Schüchterne sind nicht zwingend introvertiert, sie stehen nur nicht gerne im Mittelpunkt. Wenige, aber vertraute Freundschaften sind für ein zufriedenes soziales Leben genau richtig. Doch es gibt auch extrovertierte Schüchterne, die im Laufe des Lebens lernen, ihre Schüchternheit zu überspielen. Gottwald: „Schüchterne sind so wie sie sind, das ist völlig in Ordnung. Es handelt sich häufig um angenehme Menschen mit positiven Erscheinungsbild, die höflich und unaufdringlich, gute Zuhörer und einfühlsam sind.“

Defensives Sozialverhalten

Schüchterne Menschen sind zu sozialen Kontakten genauso fähig wie alle anderen Menschen. Sie sind in der Lage, mit anderen angemessen zu sprechen. Sie gehen aber nicht von sich aus auf andere zu, sondern verhalten sich in der Regel defensiv, beobachtend und zurückhaltend. Möchte man sich mit ihnen unterhalten, muss man in der Regel den ersten Schritt tun und sie ansprechen.

Schüchterne haben eine längere Aufwärmphase im zwischenmenschlichen Kontakt. Sie sind gern unter Menschen, brauchen aber länger um „aufzutauen“ und sind anfangs zaghaft, scheu und zurückhaltend. „Wenn sie sich aber erst mal wohl fühlen, Vertrauen gewonnen haben und das Eis gebrochen ist, sind sie oft nicht mehr wiederzuerkennen“, sagt die Psychologin.

Social Media

Schüchterne fühlen sich im Internet oft wohler als unter Menschen. Sie sind dabei allein mit sich und nicht dem „Stress“ echter Kontakte ausgesetzt. Wer vorwiegend via Internet mit anderen kommuniziert, der kann mangels echter Kontakte langfristig keine ausreichenden sozialen Kompetenzen erwerben. „Insofern fördert das Internet Schüchternheit. Der unmittelbare emotionale Austausch eines direkten Gesprächs, bei dem man jemanden gegenübersteht, lässt sich virtuell nicht herstellen“, sagt Mag. Gottwald.

Soziale Kompetenzen aufbauen

Schüchterne Menschen wollen oft gar nicht anders sein als sie eben sind und haben mit sich selbst und ihrer Eigenschaft kein Problem. Nur die westliche Gesellschaft sieht diese Charaktereigenschaft oft negativ. Hier ist es modern, der Macher, das Alphatier zu sein, während ein schüchternes, zurückhaltendes Temperament eher im asiatischen Raum positiv und als Geste der Höflichkeit bewertet wird.

Möchten Schüchterne offensiver auftreten als gewohnt, müssen sie mehr unter die Menschen gehen und immer wieder üben, auf andere zuzugehen und ihre Scheu überwinden lernen. Damit erlernen sie die sozialen Fähigkeiten, die nötig sind, um selbstständig und selbstbewusst durchs Leben zu kommen. „Diese Selbstständigkeit wird ihnen häufig abgenommen, weil sie oft sympathische Menschen sind, denen man sehr gern hilft. Dadurch erschwert man ihnen aber, selbst soziale und emotionale Kompetenzen aufzubauen“, sagt Mag. Gottwald.

Erfordert es der Beruf, im Mittelpunkt zu stehen, kann man sich bei Klinischen Psychologen oder Psychotherapeuten coachen lassen, um die sozialen Werkzeuge zu bekommen, die dafür nötig sind. Auch Schüchterne sind durchaus in der Lage, solche Herausforderungen zu meistern, vorausgesetzt, sie stärken ihre Sozialkompetenz. Aus einem zurückgezogenen Schüchternen wird zwar nur äußerst selten ein risikofreudiger Mensch, der aus einem inneren Impuls heraus völlig offen auf andere Menschen zugeht, doch er kann durch regelmäßiges Üben so weit kommen, auf andere zuzugehen, neue Situationen gut zu meistern und die Anforderungen des Berufslebens zu bewältigen. „Man kann auch üben, mit Stress gut umgehen zu können und auch die Auswirkungen von Stress, wie zittern und rot werden zu regulieren, sodass man einem die Schüchternheit nicht anmerkt“, sagt Mag. Gottwald. Biofeedback oder Entspannungsverfahren wie Progressive Muskelentspannung, Atemübungen und Autogenes Training können helfen, physiologische Begleiterscheinungen von Stress rasch zu erkennen und zu regulieren.

Behandlung bei Leidensdruck

Kann sich der schüchterne Mensch so annehmen wie er ist, gibt es keine Probleme und auch keinerlei Grund für irgendeine Form einer Behandlung. Schüchternheit für sich genommen wird auch nicht behandelt, da sie keine psychische Störung ist und es daher auch keine Diagnose gibt. Nur für den Fall, dass ein erheblicher Leidensdruck besteht, sollte man an Maßnahmen denken, um diesen Zustand zu ändern. Leidensdruck entsteht oft dann, wenn die Schüchternheit es unmöglich macht, im Beruf erfolgreich zu sein oder man es nicht schafft, einen Partner zu finden, eben weil man zu schüchtern ist.

Mag. Gottwald: „Wenn die Lebensqualität zu leiden beginnt, bedarf es einer unterstützenden Behandlung, sonst manifestieren sich die Symptome und erweitern sich auf andere Lebensbereiche.“ Nach einer ausführlichen Diagnose, um welche Art von Ängsten es sich konkret handelt, wird ein individuelles Behandlungsprogramm erstellt. Bei Sozialphobie wird unterschieden zwischen Ängsten in Interaktionssituationen (z.B. Smalltalk auf einer Party führen) und in Leistungssituationen (z.B. einen Vortrag halten). In Rollenspielen werden zuerst im „Trockentraining“ konkrete Situationen geübt und dann eigenständig umgesetzt.

Abgrenzung

Bloße Schüchternheit ist von krankheitswertigen Störungen wie Angsterkrankungen, Sozialer Phobie, Persönlichkeitsstörungen, beginnenden Psychosen oder auch den Autismus-Spektrum-Störungen zu unterscheiden. Viele Symptome sehen ähnlich aus und werden oft verwechselt und eine Differenzierung ist für den Laien mitunter schwierig.

Schüchternheit wird häufig vor allem mit einer Sozialphobie verwechselt. Betroffene mit einer Sozialphobie meiden zwischenmenschliche Situationen und zeigen wenig Bedürfnis, sich diesen Ängsten zu stellen und ziehen sich lieber zurück. Sie tauen in herausfordernden sozialen Situationen kaum auf und müssen sich jedes Mal aufs Neue ihren Ängsten stellen. Bei schüchternen Menschen fallen bei Neukontakten nach einer Akklimatisierungsphase dagegen die Angstsymptome gänzlich weg.

 

Professioneller Ansprechpartner:
Clearingstelle für Psychotherapie
Tel. 0800-202 533

 

Dr. Thomas Hartl

Juli 2017

 

Bild: shutterstock

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