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Schmerzen bei Demenzpatienten oft unerkannt

Bild: shutterstock

Schmerzen bei Demenzpatienten oft unerkannt

Da Schmerzen bei Demenzkranken oft nicht erkannt werden, bleiben diese unzureichend therapiert. Um das Schmerzleiden von dementen Patienten ausreichend zu erfassen, muss man aktiv darauf achten, ob Schmerzen bestehen könnten und darauf therapeutisch reagieren.

15. November 2016 - 00:02 Uhr

Je älter der Mensch wird, desto eher treten Schmerzen auf. Es ist eine unbestrittene Tatsache, dass alte Menschen in vielen Fällen zu wenig Schmerztherapie erhalten. Auch Demenz ist eine Folge des Alters. Je älter der Mensch wird, desto größer ist auch das Demenzrisiko. Aus diesen Tatsachen folgt, dass alte und zudem demente Menschen ein hohes Schmerzrisiko tragen und auch tatsächlich sehr häufig an Schmerzen leiden.

„Leider wird das in der Praxis viel zu wenig beachtet, das Gegenteil ist der Fall: Demente Patienten werden viel seltener und in geringerer Menge mit Schmerzmitteln behandelt, als Gleichaltrige ohne Demenz“, bestätigt Primar Dr. Elmar J. Kainz von der Klinik für neurologisch psychiatrische Gerontologie am Neuromed Campus Linz.

Schmerzempfinden von Demenzpatienten

Mitunter wird spekuliert, ob demente Menschen ebenso schmerzfähig seien wie Menschen ohne Demenz, weil sich demente Patienten nur selten über Schmerzen beklagen. „Sie haben Schmerzen wie alle anderen Menschen auch. Das Schmerzempfinden ist völlig gegeben, da gibt es keinen Unterschied“, stellt Kainz klar.

Es gibt jedoch einen Unterschied, wie Menschen auf Schmerzen reagieren. Während Menschen ohne Demenz unmittelbar ihre Schmerzen äußern können, ist das bei dementen Patienten in späten Phasen der Erkrankung nicht mehr der Fall. Sie können nicht mehr sagen, dass sie Schmerzen haben, selbst wenn diese sehr groß sind. Diese Unfähigkeit sich mitzuteilen, ist Folge der Demenzerkrankung, da die Betroffenen ihr Sprachverständnis irgendwann verlieren. Oft verlieren sie auch die Fähigkeit, den Zusammenhang zwischen den Schmerzen und dem eigenen Körper herzustellen. Ein Beispiel: Man trägt ein falsches Paar Schuhe. Die viel zu kleinen Schuhe drücken die Zehen zusammen, man erkennt aber nicht, dass die Schuhe schuld an den Schmerzen sind.

Schmerzen beeinflussen Gesamtzustand

Schmerzen verschlechtern den Allgemeinzustand der Patienten. Schlafqualität, Beweglichkeit und der Lebenswille nehmen bei chronischen Schmerzen rapide ab. „In späten Phasen einer Demenzerkrankung ist es besonders wichtig, auf das Befinden des Patienten zu achten, denn sie bestimmt seine Lebensqualität. Es sollte allen bewusst sein, dass auch ein schwer dementer Mensch durchaus glücklich sein kann. Voraussetzung dafür ist es aber, dass er nicht ständig Schmerzen zu erleiden hat, denn ein schwer schmerzleidender Mensch kann einfach nicht glücklich sein“, sagt Kainz.

Schmerzerkennung bei Demenz

An erster Stelle steht die Selbstauskunft. Patienten sind immer wieder nach deren Befinden zu befragen. Solange ein dementer Patient sich äußern kann, ist das unbedingt ernst zu nehmen, auch wenn er zum Beispiel nur „aua“ sagen kann, ohne nähere Angaben machen zu können. Alles andere würde dazu führen, dass demente Patienten noch weniger Schmerztherapie erhalten würden, als dies ohnehin schon der Fall ist.

Zweitens: Liegt eine Situation vor, die regelmäßig Schmerzen bereitet? Kann ein dementer Patient sich nicht mehr verbal mitteilen, muss man darauf achten, in welcher Situation er sich befindet. Beispiele: Hat er sich verletzt; wurde er kürzlich operiert; liegt gar eine chronische Schmerzerkrankung vor? Primar Kainz: „Wenn einer dieser Parameter gegeben ist, sollte man Schmerzmittel verabreichen, auch wenn der Patient nicht in der Lage ist, die Schmerzen erkenntlich mitzuteilen.“

An dritter Stelle steht die Beobachtung des Verhaltens: Ändert sich das Verhalten ohne erkennbaren Grund? Oder ändert sich der Gesichtsausdruck? Vor allem der Gesichtsausdruck ist ein verlässlicher Indikator für Schmerzen, auch bei weit fortgeschrittener Demenz. Auch Seufzen, Stöhnen, Weinen, Schimpfen und Hilferufe sind häufig Ausdruck von Schmerzen. Ebenso deuten Zappeln und Schaukeln etc. auf Schmerzen hin wie auch Essensverweigerung und Schlafstörungen.

Viertens: Einschätzung nahestehender Personen. Nahestehende können das Befinden des Patienten oft gut einschätzen, ihre Meinung kann zur Schmerzbeurteilung herangezogen werden.

Schmerzen werden verschwiegen

Demente Patienten bekommen generell zu wenig Schmerzmittel. Dies betrifft nicht nur solche, die sich nicht mehr mitteilen können, sondern demente Patienten in allen Krankheitsphasen. Gründe dafür gibt es mehrere. So wollen viele Betroffene ihre Schmerzen nicht mitteilen, weil sie Angst vor Untersuchungen haben oder befürchten, dadurch Probleme zu bekommen oder zu bereiten. Andere wiederum denken, es sei völlig normal, im Alter Schmerzen zu haben und dass man da halt nichts machen könne.

Um Schmerzen zu erkennen, sollen Pfleger, Ärzte, Verwandte aktiv auf den Patienten zugehen und ihn immer wieder fragen. „Etwa indem man ihm eine Farbskala zeigt und erklärt, dass Grün bedeutet, keine Schmerzen zu haben und Rot, starke Schmerzen zu haben. Der Patient zeigt dann auf die Skala und kann dadurch sehr simpel Auskunft über sein Schmerzerleben geben“, sagt Kainz.

Schmerztherapie bei Demenzpatienten

Erste Maßnahme: Die Schmerzursache wird behandelt (falls möglich), z.B. wird ein gebrochener Fuß eingegipst.

Zweite Maßnahme: Medikamente werden verabreicht. Hier unterscheidet man die direkte von der indirekten Schmerzbehandlung. Beispiel: Ein Patient mit Rückenschmerzen bekommt ein Medikament konkret gegen diesen Schmerz (direkte Behandlung). Ist der Rückenschmerz etwa Ausdruck einer Depression, kann ein Antidepressivum angebracht sein (indirekte Behandlung). „Der Patient bekommt ein Schmerzmittel und dann wird beobachtet, wie er sich verhält. Zeigt sich, dass es ihm nun besser geht, waren die Schmerzen Ursache seiner Unruhe, seines gequälten Gesichtsausdrucks oder eines der anderen Symptome“, so Kainz.

Dritte Maßnahmen

Beweglich halten: Bewegungsübungen, gemeinsame Spaziergänge, aber auch Ergo- und Physiotherapie, Massagen und vieles mehr lindern Schmerzen manchmal schneller und effektiver als Medikamente.

Nähe herstellen, Wohlbefinden: Angenehme Berührungen sind sehr wichtig. Streichelt man z.B. die Hand, lenkt das von der schmerzen Stelle ab und lenkt die Wahrnehmung auf den positiven Körperreiz, den der Patient auf der Hand verspürt. Das Wohlbefinden von dementen Patienten ist auch deshalb wichtig, weil es sich direkt auf die Schmerzwahrnehmung auswirkt. Trauer, Verlust und Depressionen dagegen erzeugen Schmerzen. Sowohl bei körperlichen als auch bei seelischen Schmerzen springen im Gehirn dieselben Schmerzzentren an.

Beschäftigen: Aktiv etwas mit den Patienten zu unternehmen wirkt schmerzlindernd. Der Grund dafür ist einleuchtend. Ist der Patient allein, ist seine Aufmerksamkeit auf sich selbst und damit auf seine Schmerzen gerichtet. Es ist daher wichtig, dass sein Fokus auf andere Dinge gelenkt wird. „Dies gelingt am besten durch Beschäftigung. In Tageszentren funktioniert das sehr gut, hier wird etwas mit den Betroffenen unternommen, mit der Folge, dass ihre Schmerzen meist nur halb so groß sind, als wenn man sie alleine lässt“, sagt Kainz.

 

Dr. Thomas Hartl

November 2016

 

Foto: shutterstock

 

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