Archiv | ePaper | Digital
 |  A A A
Freitag, 29. Juli 2016, 05:58 Uhr

Linz: 16°C Ort wählen »
 
Freitag, 29. Juli 2016, 05:58 Uhr mehr Wetter »
Startseite  > Gesundheit

Kinderkrankheit Polio: Weltweit noch nicht ausgerottet

Poliomyelitis ist eine hochansteckende Kindererkrankung, die im schlimmsten Fall zu bleibenden Lähmungen und zum Tod führen kann. Dank der Schutzimpfung gab es in Österreich 1973 den letzten Todesfall. Das Ziel der Weltgesundheitsorganisation WHO, die Erkrankung bis zum Jahr 2000 auszurotten, wurde allerdings nicht erreicht.

Kinderkrankheit Polio: Weltweit noch nicht ausgerottet

Bild: shutterstock

Poliomyelitis – kurz Polio genannt – ist eine hochansteckende Erkrankung, die auch als spinale Kinderlähmung bezeichnet wird. Die Krankheit war früher so weit verbreitet, dass viele Kinder noch vor dem fünften Lebensjahr mit dem Erreger in Kontakt kamen. Polio kann jedoch auch Erwachsene treffen.

 

Meist symptomlos

Bei den Erregern handelt es sich um widerstandsfähige Enteroviren, wobei die Typen 1, 2 und 3 eine Poliomyelitis hervorrufen. Der zweite Stamm ist allerdings bereits ausgerottet. Die Viren werden in der Frühphase der Infektion durch Tröpfchen – etwa durch Husten oder Niesen – übertragen. Später werden die Viren über den Stuhl ausgeschieden, wobei sie andere über den Mund aufnehmen. Dieser Ansteckungsweg wird als fäkal-oral bezeichnet. Schlechte Hygieneverhältnisse, wie etwa verunreinigtes Wasser, begünstigen die Ausbreitung. Von der Ansteckung bis zum Ausbruch der Erkrankung können durchschnittlich sieben bis 14 Tage vergehen. Nur bei sehr wenigen Infizierten machen sich Beschwerden bemerkbar: Bei zirka 95 Prozent verläuft die Erkrankung symptomlos.

 

Verschiedene Verlaufsformen

Polio-Viren leben im Magen-Darm-Trakt des Menschen und gelangen von dort in das Blut. Sie befallen dann hauptsächlich das zentrale Nervensystem (ZNS). Dieses ist unter anderem für Bewegungen der Gliedmaßen zuständig. Durch die Viren hervorgerufene Entzündungen können daher Lähmungen verursachen. Das ist allerdings nicht immer der Fall. Bei der abortiven Poliomyelitis – eine von drei Verlaufsformen –, treten zirka sechs bis neun Tage nach der Ansteckung Beschwerden wie Fieber, Übelkeit und Durchfall, Kopf-, Muskel- und Halsschmerzen auf. Das zentrale Nervensystem ist dabei nicht betroffen. Anders bei der nicht-paralytischen Poliomyelitis oder aseptischen Meningitis, der zweiten Verlaufsform: Hier ist das ZNS infiziert, es kommt allerdings nicht zu bleibenden Schäden. Die Symptome gleichen einer Hirnhautentzündung. Dazu zählen hohes Fieber, Rückenschmerzen, Lichtempfindlichkeit, Nackensteifigkeit und Muskelkrämpfe. Bei zirka einem Prozent der Erkrankten bessern sich die Beschwerden der nicht-paralytischen Poliomyelitis, nach zwei bis drei Tagen steigt jedoch das Fieber und es treten Lähmungen (Paralysen) auf. Es handelt sich dann um eine paralytische Poliomyelitis. Kennzeichnend dafür ist, dass die Lähmungen meist asymmetrisch auftreten und etwa Beine oder Arme betreffen. Seltener sind auch Sprach- oder Schluckstörungen möglich. Auch kann es zu Folgeschäden wie bleibenden Lähmungen, Gelenkfehlstellungen oder Wirbelsäulenverschiebungen kommen. Zu den möglichen Spätfolgen zählt auch das Postpolio-Syndrom (PPS). Es tritt erst sehr viele Jahre nach der Infektion auf und macht sich durch eine Zunahme der Lähmungen sowie einen chronischen Muskelschwund bemerkbar. Betroffene leiden ebenfalls unter Schmerzen und Erschöpfungszuständen.

 

Nur Linderung der Beschwerden möglich

Eine ursächliche Therapie gegen Kinderlähmung gibt es nicht. Der Grund dafür ist, dass es derzeit noch keine Medikamente gibt, die die Erreger bekämpfen. Daher lassen sich nur die Beschwerden, etwa durch entzündungshemmende Medikamente, lindern. Kommt es zu Lähmungen, können physiotherapeutische Maßnahmen helfen. Schwerwiegendere Beschwerden wie Atemprobleme bedürfen einer intensiven medizinischen Betreuung.

 

Impfung schützt

Gegen Polio gibt es allerdings eine Impfung. Sie ist im kostenfreien österreichischen Kinderimpfprogramm enthalten und wird im Rahmen der Sechsfach-Impfung verabreicht.

„Früher handelte es sich dabei um eine Schluckimpfung. Diese enthielt abgeschwächte, lebende Viren und wird in vielen Ländern in großen Impfaktionen, die von der WHO unterstützt werden, eingesetzt. Nachteil ist, dass die geimpften Personen Viren ausscheiden, die wieder gefährlich und sogar zu Kinderlähmungsfällen führen können, wie einige Fälle in der Ukraine zeigen“, erklärt Univ.-Prof. Dr. Günther Wewalka vom Institut für medizinische Mikrobiologie und Hygiene der Österreichischen Agentur für Gesundheit und Ernährungssicherheit (AGES). Die Lebend-Impfung wurde in Österreich daher durch eine Totimpfung ersetzt. „Sie birgt diese Gefahr nicht. Die Wirkung ist aber auch nicht so lange anhaltend“, so Wewalka. Erwachsene sollten daher nach erfolgter Grundimmunisierung ihren Impfschutz alle zehn Jahre auffrischen lassen, ab einem Alter von über 60 Jahren sogar alle fünf Jahre.

 

Der guten Akzeptanz der Impfung ist es zu verdanken, dass in Österreich 1980 die letzte Polio-Erkrankung registriert wurde. Der letzte durch Kinderlähmung verursachte Todesfall ereignete sich 1973. Das ist allerdings nicht überall der Fall. In einigen Ländern gibt es nach wie vor Polio-Erkrankungen, wie in Afghanistan und Pakistan. Die WHO ergreift jedoch im Zuge des Eradikationsprogrammes (Global Polio Eradication Initiative, kurz: GPEI) vielfältige Maßnahmen, um die Kinderlähmung weltweit auszurotten. Dazu zählt etwa die flächendeckende Durchführung der Überwachung von akuten schlaffen Lähmungen (AFP) bei Kindern bis zum vollendeten 15. Lebensjahr.

 

MMag. Birgit Koxeder-Hessenberger

Jänner 2016

 

Foto: shutterstock

Kommentare anzeigen »
Artikel 04. Januar 2016 - 00:00 Uhr
Weitere Themen

Progressive Muskelentspannung

Eine einfache und wirksame Methode, seine Muskeln zu entspannen und damit verschiedene Beschwerden zu ...

Bindegewebe: Unterschätzt

In jüngster Zeit rückt ein Körperbestandteil in den Fokus der medizinischen Betrachtung, den vor zehn ...

Tausch-Zeit

Von Rückenmassagen über Malerarbeiten und Urlaube bis zu Marmeladen und Computerkursen: Es gibt fast ...

Alkohol vergrößert Darmkrebs-Risiko

Alkohol kann Darmkrebs auslösen. Je mehr und je öfter man alkoholische Getränke konsumiert, desto stärker ...

Chronische Schmerzen nach Operationen verhindern

Schmerzen nach Operationen sind ein häufiges Phänomen. Damit sich daraus keine chronischen Schmerzen ...
Meistgelesene Artikel   mehr »
Bitte Javascript aktivieren!