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Ein heißes Eisen am Ohr

Exzessive Handytelefonie steht im Verdacht, das Gehirntumorrisiko zu erhöhen. Bild: colourbox.de

Ein heißes Eisen am Ohr

Handytelefonie und Krebsrisiko: Darüber streiten Industrie und kritische Forschung schon länger, seit kurzem auch vor Gericht. Den Stand der Auseinandersetzung zeigt der Dokumentationsfilm "Thank You For Calling".

Von Ludwig Heinrich, 13. Februar 2016 - 00:04 Uhr

Bis hinauf zur Weltgesundheitsbehörde gilt als sicher: Bei normaler Nutzung von Handys existiert kein erhöhtes Krebsrisiko. Bei exzessiver Nutzung scheint es anders auszusehen. Laut einer französischen Studie aus 2014 besteht bei Personen, die ihr Handy mehr als fünfzehn Stunden im Monat und über mehr als fünf Jahre hinweg ans Ohr halten, ein zwei- bis dreifach erhöhtes Risiko, einen Hirntumor auszubilden. Wobei auch diese Relation veranschaulicht werden muss: Die Chance, ein Gliom (bösartig) zu entwickeln, liegt bei drei Fällen unter 100.000 Menschen pro Jahr. Erhöht sich das Risiko auf das Dreifache, liegt es bei 9:100.000. Diese in absoluten Zahlen niedrige Rate macht es für die Forscher schwer, Doppelblindstudien zu erstellen, indem man Risiko- und Nichtrisikogruppen spiegelt. Es nutzt ja fast jeder ein Handy. Also suchen die Wissenschafter Krebskranke, die sie über ihre Telefonnutzung befragen, und stellen sie Menschen gegenüber, die weniger telefonieren. Dieser nicht eben klassische Vorgang macht die Studien für Lobbyisten der Telekom-Branche angreifbar.

Diese Industrie mit Milliarden-Jahresumsatz sei mittlerweile „too big to fail“, heißt es in der Doku „Thank You For Calling“ des deutschen Journalisten Klaus Scheidsteger. Einer der ärztlicher Berater des Films war der Wiener Biologe und Handyforscher Wilhelm Mosgöller. (but)

 

Herr Professor, den Beruf Handyforscher gibt es ja als solchen nicht. Wie sind Sie dazu gekommen?

Mosgöller: Ich habe ursprünglich Medizin und Zellbiologie studiert, war später klinischer Prüfarzt. Das ist der, der bei klinischen Studien sozusagen den Überblick bewahrt und für alles verantwortlich ist. Eines Tages hat mich jemand gefragt: "Du, vor meiner Tür baut man einen Handymast. Du bist doch ein Mediziner und g’scheiter Mensch, was ist davon zu halten? Die entsprechende Firma behauptete in einer Broschüre, dass es 10.000 Studien gebe, die beweisen, dass Handytelefonieren und die Masten ungefährlich seien. Ich dachte: Handys gibt es doch erst seit ein paar Jahren, kann es da wirklich schon 10.000 Studien geben? Da stimmt doch was nicht!

Und wie haben Sie reagiert?

Ich habe in der Uni-Bibliothek nachgeschaut, und dort habe ich nicht einmal zehn Studien gefunden, geschweige denn 10.000. Eine gewaltige Diskrepanz. Also fuhr ich zur Firma, die diese Broschüre als Auftragsarbeit herausgegeben hatte. Dort stellte sich heraus, dass es 10.000 Studien zum Thema Elektromagnetismus gibt. Aber natürlich nicht über Handystrahlung. Und in den besagten 10.000 Studien ging es kaum um Handystrahlen und menschliche Gesundheit, oft waren es rein technische Machbarkeitsstudien für eine neue Entwicklung der Messmethode.

Für Sie ein wichtiger Augenblick?

Ja, denn diese Situation war ausschlaggebend für meinen späteren Weg. Nachdem ich bereits damals in der Forschung tätig war, sagte ich mir: Okay, das interessiert mich! Wenn Handys schon da sind, möchte ich allzu gern wissen, wie gesundheitsverträglich sie sind. Mitentscheidend war wohl auch, dass ich in meiner Jugend Hobbyfunker war und damit ein gewisses technisches Know-how hatte. Ich wollte mir das Ganze einmal richtig anschauen und vor allem die eigene Neugier befriedigen.

Heute steht Wien als vorbildlich für diesen Sektor da. Warum?

In der Tat hatte ich in Wien als Leiter eines zellbiologischen Labors exzellente Forschungsvoraussetzungen, gleichzeitig kann ich die besten Elektrotechniker zu Rate ziehen. Unsere Arbeit ist quasi ein interdisziplinäres Projekt zwischen der Biologie des menschlichen Körpers und der Funktionsweise des Mobilfunks. Auf jeden Fall braucht man dafür professionelle Messtechniker, die überprüfen, ob biologische Zellen tatsächlich bestrahlt werden oder nicht.

Offensichtlich ein heißes Eisen. Kollegen überall auf der Welt, die kritische Meinungen abgaben, gerieten – das greift der Film "Thank You For Calling" deutlich auf – in größere Schwierigkeiten. Warum?

Viele Techniker können und wollen sich gar nicht vorstellen, dass "ihr Baby" gefährlich sein könnte. Mobilfunk-Industriebetriebe betrachten es als Gefährdung ihrer legitimen Geschäftsinteressen. Der Epidemiologe George Carlo etwa, der heute in Washington lebt, hatte zunächst 25 Millionen Euro als Forschungsbudget von der Industrie erhalten. Er arbeitete mit mehreren Forschungsgruppen vor allem in den USA zusammen. Dabei fand man heraus, dass Handystrahlung Zellen beeinflussen kann. Das war das Ende von Carlos wissenschaftlicher Karriere. Oder beim griechischen Wissenschafter Dimitris Panagopoulos kam man plötzlich überraschend zum Schluss, dass seine Forschung nicht gut für den Ruf der Uni sei. Ihm wurde das Labor weggenommen. Das ist, wie wenn man zu Ihnen sagt: Ja, schreiben darfst du, aber den Kuli nehme ich dir weg!

War bei George Carlo nicht noch etwas anderes?

Sein Haus wurde abgefackelt. Die Täter hat man nie gefasst. Ob diese Tat mit seinen Forschungsergebnissen zu tun hat, konnte nie bewiesen werden.

Schwierigkeiten auch für Sie?

Ja. Wir hatten 2008 in Wien ein Forschungsprojekt fertiggestellt. Auf einmal kam ein ominöser Brief aus Bremen an unseren Rektor. Darin wurde behauptet, unsere Daten seien gefälscht und frei erfunden. Der Rektor beschäftigte daraufhin drei Kommissionen. Resultat am Ende: Sämtliche Anschuldigungen konnten nicht bestätigt werden. Insgesamt hat das zwei Jahre gedauert, und Sie können sich vorstellen, dass das für unsere Forschungsarbeit nicht gerade förderlich war. Es hat weitere fünf bis sechs Jahre gedauert, um die Verleumdungen durch ein Gericht abstellen zu lassen.

In den USA kam es, nach Fällen von Gehirntumor vermeintlich aufgrund übermäßigen Handygebrauchs, mittlerweile zu einer Sammelklage. Es gab inzwischen ein erstes Urteil?

Der Richter hat die Qualität der Wissenschaft bestätigt und entschieden, dass die diesbezügliche Forschung durchaus ernst zu nehmen sei. Die Mobilfunkindustrie, die das Telefonieren mit Handys immer als harmlos und gesundheitsverträglich bezeichnet hat, erhob natürlich Einspruch.

Wäre es für die Industrie nicht vernünftiger, zu ihrem eigenen Vorteil, für ihr Prestige und zwecks Verbesserung ihrer Produkte auf den Rat von kritischen Wissenschaftern zu hören?

Offensichtlich verstehen die unter vernünftig etwas ganz anderes. Ich habe den Eindruck, dass sie überhaupt nicht zuhören wollen. Wir betonen ja, dass die Forschung niemandem schaden, nur die Menschen schützen will. Und: Wir selbst haben ja auch ein Handy.

Was empfehlen Sie Benützern?

"Umsichtige Vermeidung". Also die Bestrahlung des Körpers zu vermeiden, wo es nur geht. Zum Beispiel: lieber SMS schicken. Oder man hält das Handy weg vom Kopf, verwendet Freisprechanlage, Ohrknopf. Oder man trägt das Handy nicht direkt am Körper, sondern in einer Akten- oder Gürteltasche.

Was würden Sie, im Idealfall einer Kooperation, der Industrie empfehlen?

Sie sollen doch mit dem Handy ein Kabel und einen Ohrknopf mitliefern. Man könnte auch strahlungsarme Handys bauen. Noch einmal: Unser Credo ist nicht, jemanden zu schädigen, sondern der Bevölkerung zu zeigen, wie man durch Umsichtigkeit ein Risiko reduzieren kann. Ich denke da gern ans Auto: Es hat ja auch niemand verhindert, ein Antiblockiersystem und Airbags zu entwickeln.

 

Wilhelm Mosgöller (54), geboren in Güssing, studierte Medizin in Wien und London. Er ist Professor für Zellbiologie an der Universität Wien und gilt international als Fachmann in Sachen Krebs und Strahlung. Für den Film „Thank You For Calling“ hat er sein Wissen zur Verfügung gestellt.

 

"Thank You For Calling" lautet der Titel des Dokumentarfilms von Klaus Scheidsteger. Der Journalist geht darin der Frage nach, ob Mobiltelefonie Krebs auslösen kann. Der Film startet am 19. Februar in Österreichs Kinos. Hintergrund: In den USA laufen derzeit mehrere Schadenersatzklagen gegen die Mobilfunkindustrie, die vom Washington D.C. Superior Court zu einer "Sammelklage" zusammengefasst wurden.

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