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Ein Tausendsassa und ein Hund

Hanf = Droge. So denken die meisten, dabei wird die Vielfältigkeit des zu den ältesten Nutzpflanzen zählenden Gewäches zunehmend wiederentdeckt, etwa als Dämmstoff. Roswitha Fitzinger zu Besuch im Hanfthal im nördlichen Waldviertel, dort, wo der (Nutz-)Hanf zuhause ist.

Ein Tausendsassa und ein Hund

Der Nutzhanf liebt es sonnig, dann kann er bis zu sieben Zentimeter am Tag wachsen. Bild: Capatect

Johann Schmidt hat einen Lieblingsspruch, und der lautet: "Im Hanfthal ist der Hanf daheim." Der 69-Jährige steht mitten im Hanffeld, die meisten der Cannabispflanzen reichen ihm bis zur Schulter. Es ist die erste Station des örtlichen Hanferlebnispfades. "Seit fünf Jahren läuft hier in Zusammenarbeit mit der Universität für Bodenkultur eine Versuchsreihe", erklärt er: Es gelte die Sorte zu finden, die für den Boden im nördlichen Waldviertel am besten geeignet sei. Und um die Frage vorwegzunehmen, die früher oder später immer gestellt wird, fügt er hinzu: "Ja, man kann diesen Hanf rauchen, müsste jedoch das gesamte Feld hier konsumieren, um berauscht zu sein." Die Landwirte im nördlichen Waldviertel pflanzen Nutzhanf, und dieser enthält lediglich geringe Mengen der psychoaktiven Substanz THC (Tetrahydrocannabinol).

Johann Schmidt ist so etwas wie der oberste Hanf-Botschafter von Hanfthal, Hanf-Pionier und dessen Wiederentdecker unisono. Die Kulturpflanze hat in der 580 Einwohner zählenden Gemeinde Tradition, ist Namensgeberin. Wo heute Fußball gespielt wird, befand sich einst der Dorfteich. Die Hanfplanzen wurden bis 1831 dort eingeweicht und in der Folge verarbeitet. Mit der Regulierung der Laa verschwand jedoch das Wasser und irgendwann auch der Hanf aus dem Ort. Anlässlich des 850-Jahr-Jubiläums der Gemeinde wurde die Tradition schließlich wiederbelebt. Heute hat Hanfthal nicht nur einen Hanferlebnispfad, ein Hanfmuseum und einen Hanfshop, sondern seit 2004 wird auch wieder großflächig Hanf angebaut. Eine eigens gegründete Verwertungsgesellschaft entwickelte etwa eine spezielle Erntemaschine, mit der das Stroh der Pflanze direkt auf dem Feld gebrochen und in Fasern und Schäben getrennt werden kann. "Wir im Hanfthal waren die Ersten mit einer Koppelnutzung, haben sowohl die Samen als auch das Stroh verwertet", erklärt Schmidt nicht ohne Stolz. So werden etwa die getrockneten Blätter des Nutzhanfs zu Tee verarbeitet, aus den Blüten ätherische Öle gewonnen, die Samen zu Öl gepresst oder geröstet. Auch touristisch wussten die Hanfthaler die Pflanze geschickt zu vermarkten. So kommen beim örtlichen Bäcker auch Hanfbrot und -gebäck aus dem Ofen, der Metzger im Ort produziert Hanfblutwurst, und beim Hanfwirt werden die Gerichte von der Vor- über die Hauptspeise bis zum Dessert unter anderem mit Hanfsamen verfeinert. Bei einer derartigen Vielfalt sind Hanfwein und Hanfbier nicht weit. "Wir haben sogar einen Hanfdoktor", sagt Johann Schmidt und meint jenen Hanfthaler, der die Nutzpflanze zum Thema seiner Dissertation machte. Der Pionier selbst trägt Schuhe aus Hanf und schwört auf seine täglich zwei Esslöffel Hanföl wegen dessen hohen Gehalts an Omega-3-Fettsäuren. Und überhaupt könne er den ganzen Tag über Hanf reden, so viel gebe es über den Tausendsassa zu erzählen, sagt Schmidt.

Ökologisches Dämmmaterial

Während der 69-Jährige mit seinen Gästen auf dem Erlebnispfad Station um Station voranschreitet, ist knapp 30 Kilometer entfernt ein weiterer Hanf-Pionier unermüdlich am Werken. Robert Schwemmer hat es sich zur Aufgabe gemacht, den unteren Teil der Hanfpflanze aus dem Hanfthal zu verwerten. Er tut das in seiner Funktion als technischer Geschäftsführer der Firma Naporo, eines zur Capatect-Gruppe gehörenden Unternehmens mit 27 Mitarbeitern, die aus den Hanffasern Dämm- und Schallschutzplatten erzeugen. "Dem Hanf kannst beim Wachsen zuschauen. Er wächst schneller als Unkraut. Außerdem braucht er keinen Dünger und keine Pestizide, ist langlebig und extrem widerstandsfähig", zählt Schwemmer nur einige der Vorzüge auf. All das mache aus ihm einen perfekten ökologischen Dämmstoff. "Aber der Hanf ist auch ein Hund", so der Experte. Aus leidvoller Erfahrung weiß er: Den Hanf kann man nicht sanft behandeln. Denn lang und vor allem zäh ist die Hanfplanze. Maschinen, die normalerweise Kühlschränke zerkleinern und in denen die Kraft von 800 Autos steckt, braucht es, um die robuste Pflanze zu zerkleinern. Doch genau die fehlten zunächst. "Aufgrund des jahrzehntelangen Hanfverbots ist viel Technik verloren gegangen. Wir mussten viel Pionierarbeit leisten", sagt Schwemmer.

Zwei Maschinen mit je einer Länge von 40 Metern sind das Herzstück der Produktion. Während die eine die Ballen zerkleinert, werden in der anderen die Fasern zu Dämmplatten gepresst. Nach Jahren des Tüftelns hat man es geschafft, eigene Verfahren wurden entwickelt und patentiert, der Betrieb läuft. 70 Landwirte aus der Region lieferten im Vorjahr 2000 Tonnen Hanfstroh, aus denen rund 110.000 Quadratmeter Dämm- und Schallschutzplatten erzeugt wurden. Die Produkte tragen inzwischen das Österreichische Umweltzeichen und wurden mit diversen Umweltpreisen ausgezeichnet.

Hanf als Lebensmittel, als Dämmstoff, als Medikament, Kleidung aus Hanf, Johann Schmidt spart kein Thema aus – auch Hanf als Droge nicht. Dass die Pflanze automatisch mit dem Rauschmittel gleichgesetzt wird, er nimmt es gelassen. Diese Tatsache ist für ihn auch Türöffner, um den Hanf zu entdämonisieren, wie er sagt.

Die letzte Station des Erlebnispfades ist erreicht. Ein Gruppenfoto vor dem Hanfmuseum neben der Hanfhecke muss noch sein – ebenso ein kleiner Scherz. "Wir sagen hier nicht Cheese, sondern Marihuana", sagt der oberste Hanfbotschafter und erntet Gelächter.

 

Wussten Sie, dass ...

... es mehr als 50.000 Produkte aus Hanf gibt.
... das erste nachgewiesene Papier vor etwa 2000 Jahren aus Hanf war.
... Hanf bereits vor 10.000 Jahren in China zur Fasergewinnung und die Hanfsamen als Nahrungsmittel verwendet wurden und Hanf damit eine der ältesten Kulturpflanzen der Welt ist.
... Gutenberg die Bibel 1455 auf Hanfpapier druckte.
... auch die amerikanische Unabhängigkeitserklärung von 1776 auf Hanfpapier gedruckt wurde. Der erste amerikanische Präsident George Washington baute selbst im großen Stil Hanf an.
.... Kolumbus Amerika 1492 in einem Schiff mit Segeln und Seilen aus Hanf entdeckte.
.... die ersten Jeans von Levi Strauss aus Hanftextilien hergestellt wurden.
... sich das Wort „schäbig“ von Schäben, dem holzigen Teil der Hanfpflanze, ableitet.
.... dass die Wurzeln des Hanfes zwischen zwei und vier Meter in die Erde reichen.
....es insgesamt 42 von der EU zertifizierte Sorten mit niedrigen THC-Gehalte (weniger als 0,2 Prozent) gibt, die seit 1995 wieder angebaut werden dürfen.
.... Hanf bis zu sieben Zentimeter täglich wächst.
.... dass es drei Gattungen von Hanf gibt: Nutz-, Industrie- oder Lebensmittelhanf mit geringem THC-Gehalt (Cannabis sativa), indischer Hanf mit 15 bis 20 Prozent THC-Gehalt (Cannabis indica) sowie den Urhanf oder russischen Hanf, der als Beikraut etwa auf Kartoffelfeldern gepflanzt wird.
... eine männliche Hanfpflanze einen Hektar weibliche Pflanzen bestäuben kann.

Infos: www.hanfthal.at, www.naporo.com

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Artikel Roswitha Fitzinger 09. Juli 2016 - 00:04 Uhr
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