Enrique Iglesias „Euphoria“ (Universal)
Was kann schon schiefgehen, wenn man sich angesagte Partymusik-Spezialisten wie Pitbull, Akon oder Usher ins Studio einlädt? Gar nichts. Der geschickte Schachzug von Enrique Iglesias mündet in positiv gestimmter Sommerparty-Musik, die in erster Linie der Unterhaltung dient und in keinem Tanztempel der Welt als Störfaktor empfunden wird. Der frische Wind am Beginn wird in der zweiten Hälfte zum lauen Lüfterl. Da schmachtet Iglesias, spielt sein altbekanntes Lied auf der Gefühlsleier, klingt typisch herzverbunden und verfällt in den kalkulierten Harmonie-Schritt. Anspieltipps: „I Like It“, „One Day At A Time“
Perfume Genius „Learning“ (Matador)
Mike Hadreas aka Perfume Genius erspart sich das Überflüssige. Er zieht nicht in die Breite, begnügt sich mit dem, was gesagt werden muss. So bringen es die zehn Songs auf seinem aktuellen Album gerade einmal auf eine knappe halbe Stunde. In der Zeit allerdings massiert der Songwriter mit dem Hang zur spärlicher Instrumentierung intensivst die Seele. Ruhig, prägnant und bezaubernd reist Hadreas in seine Erfahrungswelten, schaut in die Tiefe menschlichen Daseins, thematisiert Schmerz und Traurigkeit und lässt am Ende doch auch Hoffnung zu. Mit seiner wunderbaren Melancholie zwingt Hadreas zum Innehalten, stoppt den beschleunigten Schritt und zwingt zum Zuhören, ohne Druck auszuüben. Anspieltipps: „You Won’t B Here“, „Perry“
Boundzound „Roothouse“ (Ministry Of Sound)
Abstreiten kann es Demba „Ear“ Nabé nicht, dass er eine der drei Stimmen von Seeed ist. Das will er auch gar nicht. Sein neues Boundzound-Solo ist dennoch kein Abklatsch, sondern ein musikalisches Bekenntnis zur stilistischen Breite. „Roothouse“ zündet mit pulsierenden Rhythmen, gefällt sich in der höchst geerdeten Rootsreggae-Ästhetik und erfreut sich an elektronischen Spielereien, die das Tempo zügeln. Auch der engagierteste Clubtänzer braucht schließlich einmal Erholung. Im Clubambiente funktionieren die 12 Tracks mit Sicherheit blendend, und auch unter dem Kopfhörer schieben Boundzound ordentlich an. Beim Nebenbeihören verlieren die vielschichtigen Songs aber ihre wuchtige Club-Wirkung. Anspieltipps: „Beezkeepers“, „Bang"
Oli Brown „Heads I Win Tails You Lose“ (Ruf Records)
Der junge Mann ist ein Ereignis, weil sein Blues nicht klingt, als wäre der Sänger und Saitenbearbeiter noch im Teenager-Alter. Oli Brown spielt wie ein Alter und verfügt dabei über eine Beseeltheit im Spiel, die unglaublich ist. Ob er nun kraftvoll am Drücker ist oder das Gefühlsspektrum langsam auf- und abspielt – der junge Mann wirkt nie aufgesetzt und ist immer am Punkt. Anspieltipps: „Evil Soul“, „Real Good Time“
Denk „Tua weida“ (Pate Records)
Verstellt hat sich Birgit Denk nie. Sie hat sich auch nie verbogen, ist konsequent ihren Weg gegangen. Nach zehn Jahren Rock-Pop mit Dialekt-Texten hat Birgit Denk mit ihrer Band immer noch nicht genug. Sie tut weiter, weil es weitergehen muss und weil sich Erfahrung hörbar niederschlägt. „Tua weida“ spiegelt das Leben wieder, erzählt vom guten Gefühl, sich geborgen zu fühlen, überzeichnet Beziehungsfragen („Liag mi au“), rechnet satirisch mit der Radiolandschaft ab, die zur Wiederholungsmaschinerie verkommt, was bei Denk zur Mutmaßung führt, dass „mei Radio hi is“, und endet schließlich doch im Optimismus, dass alles gut wird, egal, wie schlecht ein Tag auch beginnen mag. Musikalisch sind Denk deutlich lyrischer geworden, schmeicheln sich melodienreich ins Ohr und umgarnen im harmonischen Zusammenspiel, in Songs, die Sinn machen und lässig klingen. So kann es weitergehen. Anspieltipps: „Am liabsten“, „An Augenblick“
Klaxons „Surfing The Void“ (Polydor)
Wer schnell beschleunigt, muss mit der Höhe leben lernen. Jamie Reynolds, Bassist und Songwriter der Klaxons, sah sich zu Beginn der Arbeiten am zweiten Album mit einer Schreibblockade konfrontiert. Erfolg erzeugt Druck. Als er die Erkenntnis fand, dass viel Nachdenken Kopfweh macht, ließ er den Dingen ihren Lauf. Und es funktionierte. Die „neuen“ Klaxons klingen härter, lauter, progressiver und wilder, weil psychedelischer als auf ihrem Debüt. Geduld ist ratsam. Die Songs brauchen ihre Zeit. Anspieltipps: „The Same Space“, „Venusia“