Wie stürmisch waren die Zeiten, als ihr euch begegnet seid?
Wecker: Mit ihnen in der Toskana zu arbeiten, war wirklich stürmisch. Wir haben uns von der ersten Sekunde an gut verstanden. Es war der notwendige Beginn einer stürmischen Probe. Wir haben, ehrlich gesagt, gar nicht so viel geprobt. Wir haben viel gekocht, viel gegessen, viel Wein getrunken, haben eine Riesen-Gaudi gehabt und waren dann auch ganz brav an den Liedern dran. Natürlich haben wir ein Programm zusammengestellt, aber es war schon mehr. Wir haben gewusst, dass wir gemeinsam auf Tour gehen und wollten uns menschlich kennenlernen. Da war das allabendliche gemeinsame Essen schon wichtig.
Warum ist die Wahl der musikalischen Begleiter für dieses Programm auf die vier Oberösterreicher gefallen, die ich bislang mit vielem in Zusammenhang gebracht habe, aber nicht unbedingt mit Liedern über Romantik und Liebe?
Wecker: Würde ich ein Programm machen, das ausnahmslos aus romantischen Liebesbekenntnissen besteht, täten sie wahrscheinlich innerlich streiken (lacht). Aber ich mache ja ein Programm, das sich zwar ausschließlich mit der Liebe beschäftigt, aber mit allen Dimensionen der Liebe. Dazu gehört natürlich auch Politik, wenngleich es kein politisches Programm ist. Ich habe aber das Gefühl, je mehr ich erkennen lasse und zeige, durch mein Bekenntnis zur Liebe und ein Liebender zu sein, desto schärfer kann ich auch mit meiner Kritik sein.
Wenn ich nur kritisieren und nörgeln würde, dann ermüdet das unglaublich. Aber wenn man spürt, dass da jemand ist, der sich über vieles empört, aber will, dass sich etwas verändert, dann merken das auch die Leute im Publikum, die ja zu mir kommen, weil sie wollen, dass sich etwas verändert. Ich werde öfter von Journalisten gefragt, warum ich nicht zynisch geworden bin. Das ist eine sehr lustige Frage, die auch verständlich ist. Man kann zynisch werden, wenn man 40 Jahre gegen etwas ansingt, und es hat sich eigentlich nichts geändert. Im Gegenteil: Was die Nazis betrifft, ist es fast schlimmer geworden. Dann sage ich zum Publikum: Ihr seid schuld. Ihr besucht meine Konzerte seit 30 Jahren. An euch sehe ich, dass ihr aufrecht dabei bleibt und euch engagieren wollt. Da kann man nicht zynisch werden. Insofern haben wir schon eine starke, persönliche Verbindung mit dem Publikum.
Ist dein Publikum mitgewachsen?
Wecker: Natürlich. Aber es sind auch viele jüngere Menschen in den Konzerten und kennen alles. Es ist erstaunlich, wie gut sich mein Publikum in meinem 40-jährigen Lebenswerk auskennt.
Das ist ja auch ein Bekenntnis, dass es passt und weitergegeben wird, oder?
Wecker: Ja, weil mein Verbreitungsgrad geht nicht über den Rundfunk, weil da werde ich nicht mehr gespielt, sondern der geht über Eltern, Lehrer und persönliche Bekanntschaften. Bei den jungen Leuten spielt mittlerweile das Internet eine große Rolle, und ich habe mich den Möglichkeiten der digitalen Welt erst seit einem Vierteljahr so richtig zugewendet.
Wenn man auf der Homepage schaut, findet man die ganze lange Liste deiner Lieder und stellt beim Scrollen fest, dass man schon manches vergessen hat.
Wecker: Auch als der, der die Lieder geschrieben hat, weiß man nicht mehr alle. Dass auf meiner Homepage alle Lieder samt Texten und Ton-Ausschnitten zu finden sind, habe ich einem Österreicher zu verdanken, meinem Archivar Alexander Kinski. Er kam vor Jahren auf mich mit den Worten zu: „Sehr geehrter Herr Wecker. Was Köchel für Mozart war, möchte ich für Sie sein.“ Wunderbar.
Wenn man ein Programm wie „Stürmische Zeiten“ zusammenstellt, muss man dann sein eigenes Werk von Anfang bis zum Ende durchforsten?
Wecker: Ja, und es war spannend. Ich habe das Thema im Kopf gehabt und habe im vergangenen Jahr den gleichnamigen Gedichtband herausgebracht. Als ich die Gedichte wieder gelesen habe, fand ich, dass das ein wunderbares Thema für ein Programm ist. Zuerst wollte ich Fremdtexte vertonen, aber dann habe ich beim Durchforsten meiner eigenen Lieder entdeckt, dass ich so unglaublich viele Liebeslieder geschrieben habe, dass kein Platz ist für Fremdtexte.
Ich lese im Konzert zwischendurch ein Goethe-Gedicht, was zwar niemand mehr gewohnt ist, aber ich merke die Aufmerksamkeit und Stille des Publikums. Da bewirkt Kraft der Worte sehr viel. Es geht direkt ins Herz, und man schafft es ohne den Umweg der Rationalität, was mit der Musik ja auch passiert. Man soll ja denken, aber man soll nicht in dem Moment denken, sondern nachher, weil man sonst keinen Zugang bekommt zu dem Gedicht.
Die Gedichte haben Bestand, aber auch deine Texte und Gedichte sind für viele zu Lebensbegleitern geworden. Freut dich das?
Wecker: Das spürt man. Ich füge meine eigenen Gedichte schon einmal gerne zwischen Rilke und Goethe ein und sage auf der Bühne flapsig: Sie stören nicht. Ich habe nicht das Gefühl, dass meine Gedichte inmitten der Meiser als besonders schlecht auffallen.