Tom McRae „The Alphabet Of Hurricanes“ (Cooking Vinyl)
Liebeserklärungen schreit man nicht heraus. Man formuliert sie leise, aber verständlich, intensiv und voll Herzblut. „Still Love You“ haucht Tom McRae zum Auftakt seines neuen Albums, und man spürt die Wahrhaftigkeit seiner Worte. Nur ein paar Takte später findet man sich sanft schunkelnd mit zufriedenem Grinsen wieder und nimmt McRae natürlich ab, dass er niemals lügen wird. Der britische Songwriter führt mit zwölf Songs in seine Welt und verführt dabei mit Melodien, die ohne Bombast auskommen und dennoch sehr lange nachwirken.
Da spielt es keine Rolle, ob McRae ruhig oder lässig wippenden Schrittes daherkommt. Er nimmt gefangen. Vom ersten bis zum letzten Ton, mit seinem musikalischen Feingefühl und mit seiner Stimme, die Befindlichkeiten auszudrücken vermag. Anspieltipps: „Won’t Lie“, „Me & Stetson“, „Can’t Find You“
African Heartbradler „Keep It Warm“ (Irievibrations Records)
Wenn Florian Randacher etwas nicht leiden kann, dann ist es, in einer Schublade geparkt zu werden. Das mag er auch als Flow Bradley nicht. Er will keine Erwartungen stillen, weil er sich künstlerisch treiben lässt, ausdrückt, was aus ihm fließt. Schreiberisch, musikalisch. Es passiert. Als Ausseer Hardbradler, als Randacher, als Bradley, neuerdings als African Heartbradler. „Der Rhythm und die Musi san so a Geschenk“, singt er in „Für di & für mi“.
Die Musik ist sein Lebenselixier, und so schwingt er sich elf plus ein Lied lang auf, um jenseits sprachlicher Engstirnigkeiten und musikalischer Grenzziehungen zu beglücken. Mit positiv gestimmten Rhythmen, in denen alles Platz hat, was sich gut anfühlt. Der weltmännisch Denkende füllt den Reggae mit so viel Seele, nimmt Anleihen und ist doch so sehr er selbst. Und in seinen Texten sind Hirn, Herz und Humor zu Hause. Diese Musi is a Geschenk! Anspieltipps: „Keep It Warm“, „Ich dreh und trink gern“, „Kleines“
Get Well Soon „Vexations“ (City Slang)
Konstantin Gropper hatte eine Idee. Dem Dreh- und Angelpunkt von Get Well Soon fiel ein Buch des Stoikers Seneca in die Hände, und seine Themen haben zufällig auch den Wahlberliner beschäftigt. Heraus kam also ein Konzeptalbum über Stoizismus, eines das düster-sphärisch klingt und inhaltlich fordert, weil es Dichtern, Denkern und Autoren Raum für ihre Philosophien gibt.„Ich selbst will auch keine Musik hören, die nur an der Oberfläche kratzt“, sagt Gropper. So sind seine Pop-Sounds komplexe Klangstrukturen, die sich aber nicht intellektuell in die Höhe schrauben, sondern in ihrer Emotionalität tief eingraben.
Sie gehen unter die Haut, sie berühren, sie schreien nach Auseinandersetzung, wenngleich sie auch im Vorbeigehen Wirkung erzeugen. Ein akustisches Ruhekissen, das man sich gerne gönnt in dieser hektischen Welt der Betriebsamkeit. Konzerttipp: Beim FM4-Fest am 23. Jänner in der Arena in Wien ist Gopper mit Get Well Soon der Hauptact. Anspieltipps: „Seneca’s Silence“, „5 Steps/7 Swords“
Florian Horwath „Speak To Me Now“ (Universal)
Weniger ist manchmal mehr. Florian Horwath braucht nicht viel, um auf sich aufmerksam zu machen. Er schreitet auf leisen Songwriter-Sohlen daher, verführt mit folkiger Leichtigkeit, verspielten Melodien und einer unaufdringlichen Stimmung, in der der Alltag plötzlich zur Randnotiz verkommt. Je länger man ihm zuhört, desto weniger will man damit aufhören. Konzerttipp: Mit Element Of Crime ist Horwath auf Tour. Heute, 22. Jänner, spielt er im ausverkauften Posthof Linz. Anspieltipps: „Oh How I Long For Your Mistakes“, „On The Kitchen Floor“
John Mayer „Battle Studies“ (Sony Music)
Die Melodien, die Botschaften sind knapp, aus dem Bauch heraus, mit der Effizienz der Einfachheit. John Mayer liegt mit dieser Beschreibung seiner neuen Songs ganz richtig. „Battle Studies“ zieht seine Wirkung aus der leicht-lockeren und angenehmen Spielart, mit der der Songwriter und Gitarrist zwischen Pop, Rock, Folk und Country pendelt, stets eine lässige Melodie auf den Lippen hat und eine gehörige Portion Zufriedenheit verbreitet. Mayer outet sich als Liebhaber der Geradlinigkeit, der sich stilistisch nicht einengen wollte. Das passt ganz gut. Anspieltipps: „Heartbreak Warfare“, „Who Says“
Tocotronic „Schall & Wahn“ (Vertigo)
„Ich bin sehr nachlässig im Inhalt, aber sehr penibel in der Form.“ Da kokettiert Tocotronic-Mastermind Dirk von Lowtzow ein bisschen mit seiner Ausnahmestellung in der deutschsprachigen Musikszenerie. Auch der Inhalt der zwölf neuen Songs von Tocotronic kennt nicht den Hauch von Oberflächlichkeit. Kein Wort fällt zufällig. „Im Zweifel für den Zweifel/Das Zaudern und den Zorn/Im Zweifel fürs Zerreißen/Der eigenen Uniform“. Musikalisch spannt das Quartett einen Melodiebogen, bei dem man aus dem Staunen nicht mehr herauskommt. Lieder entfalten sich langsam, entwerfen sich über sechs Minuten und mehr, scheinen sich in Harmoniefolgen zu verlieren, um doch immer am Punkt eines Themas zu sein.
Es geht sehr ruhig, sehr intim zu, doch schon an der nächsten Ecke poltern Tocotronic daher, als hätten sie Angst davor, nicht gehört zu werden. „Was du auch machst/Sei bitte schlau/Meide die Marke/Eigenbau“. Humor haben sie auch noch. Tocotronic spielen längst in ihrer eigenen Liga, ihre Musik erhebt sich zu einem Kunstwerk, das nichts Künstliches an sich hat, sondern organisch gewachsen ist. Hier spielt eine Band, die in den 18 Jahren ihres Bestehens die Ausdrucksform entwickelt und gefunden hat, in der sie sich wohlfühlt. Eine Band, die sich nicht beweisen muss, weil sie sich längst für sich bewiesen hat. Eine Band, die aus Musikern besteht, die es liebt, den „Feierabend mit Menschen aus anderen Disziplinen“ zu verbringen.
Denn gerade dadurch wird eine andere Sicht der Dinge erst möglich. Diese andere Sicht findet sich in den zwölf Songs von „Schall & Wahn“. Das sind keine Erlebnislieder, sondern in Songs gegossene Gefühle und Eindrücke, die zum Mitdenken anregen. Danke dafür! Anspieltipps: „Eure Liebe tötet mich“, „Macht es nicht selbst“, „Gesang des Tyrannen“