Archiv | ePaper | Digital
 |  A A A
Dienstag, 12. Dezember 2017, 09:07 Uhr

Linz: 4°C Ort wählen »
 
Dienstag, 12. Dezember 2017, 09:07 Uhr mehr Wetter »
Freizeit  > Kino  > OÖN-Filmkritik

Wenn 33 Wissenschafter in Rom in die Luft gehen

Wenn 33 Wissenschafter in Rom in die Luft gehen

Sibylle Lewitscharoff Bild:

"Ich hoffe, dass es nicht als penetrante Wissensvermittlung wirkt, aber ich konnte ja nicht davon ausgehen, dass jeder Leser Dantes ,Göttliche Komödie’ gelesen hat, also musste ich dieses Buch über die Vorträge der im Buch vorkommenden Gelehrten indirekt einschleusen", sagt Sibylle Lewitscharoff im Gespräch mit den OÖN.

Penetrant? Keineswegs. Die Büchner-Preisträgerin von 2013 hat mit ihrem Roman "Das Pfingstwunder" alles richtig gemacht. Als wäre es die leichteste aller literarischen Fingerübungen, der Klugheit den Witz an die Hand zu geben, schickt sie beide im bemerkenswerten Hopserlauf durch den Text: Ich-Erzähler Professor Elsheimer nimmt zu Pfingsten 2013 in Rom an einem Kongress zu Dante Alighieris besagtem Versepos teil – und es geschieht das Unglaubliche: Die Vorträge dunsten in einem orgiastischen Rausch, die Fenster öffnen sich, und die 33 Teilnehmer entschweben zu einer Himmelfahrt. Der 62-jährige Elsheimer bleibt allein zurück. Er kann dieses Wunder nicht fassen und versteht gleichfalls nicht, warum er nicht ins Himmlische auffahren durfte. Ist er ungläubig? Oder unwürdig?

Im Geiste geht er jeden Tag des Kongresses nach, um auf eine Begründung zu kommen: "Mein Kerker besteht aus dem drangvollen Wissen, dass ich Zeuge eines Wunders bin, aber nicht davon erzählen kann, weil mir niemand glauben wird." Elsheimers Notizen und allerlei Privates, das man über ihn und seinen Lebensraum in Frankfurt erfährt, ergeben den Roman, den uns Lewitscharoff vorlegt. Diese Technik ermöglicht es dem Text, einerseits zur kultivierten Wissenschaftersatire abzubiegen, andererseits Diskurse der internationalen Dante-Forschung zu öffnen. So debattieren deutsche Anfänger gegen griechische Dante-Granaten – und Lewitscharoff nimmt die Fährte auf, wo die gegenwärtige Hölle sein könnte: in Syrien, Gaza, Libyen, im Irak, in der Ostukraine und in einigen afrikanischen Ländern.

Dass bei Lewitscharoff Tiere als Erkenntniswesen auftreten, wissen wir vom Löwen aus ihrem "Blumenberg"-Roman oder von der Katze aus dem "Killmousky"-Krimi. Diesmal ist Lenny dabei, ein kleiner Jack-Russell-Terrier, der die Vorträge der Dante-Forscher körpersprachlich kommentiert. Nach dieser Lektüre werden Sie Dante unbedingt lesen wollen. (pg)

Sibylle Lewitscharoff: "Das Pfingstwunder", Roman, Suhrkamp, 350 Seiten, 24,70 Euro

Kommentare anzeigen »
Artikel 12. November 2016 - 00:04 Uhr
Weitere Themen

"Zwischen zwei Leben": Dieser Film verunglückt, noch bevor das Flugzeug in den Bergen abstürzt

"Zwischen zwei Leben" überlebt knapp – dank Kate Winslet, Idris Elba und famoser Bilder

"Harri Pinter Drecksau": Der Mensch im Macho

Harri Pinter, Drecksau: Jürgen Maurer spielt einen Sportler, der in den besten Jahren erwachsen wird.

"Coco": Diese Toten sind alles, nur nicht knochentrocken

Ein buntes, lebensfrohes Abenteuer im Jenseits.

„Lady Macbeth“: Gefangen im düsteren Käfig einer lieblosen Ehe

Die junge Schauspielerin Florence Pugh brilliert im britischen Kostümfilm „Lady Macbeth“ nach ...
Meistgelesene Artikel   mehr »
Weitere Meldungen
OÖNachrichten auf Facebook OÖNachrichten auf Twitter OÖNachrichten auf Google+ OÖNachrichten RSS
Bitte Javascript aktivieren!