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"Freeheld": Ein lesbisches Paar will, was sein gutes Recht ist

Der aktuelle Kinospielfilm "Freeheld" arbeitet mit viel Gefühl einen Präzedenzfall zur Gleichstellung in den USA auf.

Ein lesbisches Paar will, was sein gutes Recht ist

Oscarpreisträgerin Julianne Moore, l., Ellen Page, die sich 2014 als homosexuell outete. Bild: Constantin

Zwei lesbische, rechtlich verbundene Amerikanerinnen fordern die gleiche Behandlung wie ein verheiratetes, heterosexuelles Paar. Das ist das erzählerische Grundgerüst des aktuellen Kinofilms "Freeheld". Er basiert auf einem wahren Fall (mehr rechts), in dem eine Polizistin mit Lungenkrebs im Endstadium will, dass ihre Pension an ihre Partnerin übertragen wird. So, wie das Geld an die Ehefrauen verheirateter Kollegen übergehen würde.

Das sind die Fakten, hinter denen ein emotional hoch aufgeladener, gesellschaftlicher Konflikt steht. Dieser Stoff erfüllt alle Voraussetzungen für eine laute, mit Pathos und Hysterie versetzte Übersetzung auf die Leinwand.

Regisseur Peter Solletts Film ist aber alles andere, alles bessere. Er ist unaufgeregt, schafft auf beinahe dokumentarische Art Intimität und durch seine chronologische Aufarbeitung Potenzial, seine Protagonisten zu verstehen. Dabei handelt es sich um Detective Laurel Hester, die seit 23 Jahren für die Polizei ihrer Heimat Ocean City (New Jersey) arbeitet, verkörpert von Julianne Moore. Und um Automechanikerin Stacie Andree, gespielt von Ellen Page ("Juno"). Sollett ermöglicht dem Zuseher lange, Laurel bei ihrer Arbeit in der Anti-Drogeneinheit zu beobachten. Am Pier, wie sie einen Dealer stellt. In einer Bar, bei der sie und ihre Einheit von lokalen Politikern gefeiert werden, weil ihre Verhaftung eine kriminelle Vereinigung gestürzt hat. Moore versteht es blendend, die blonde Laurel in diesem dunklen, verrauchten Umfeld voller Männer in schwarzen Anzügen als kompetente, zähe Beamtin zu geben.

Zwischen Machismo und Macht verdeutlicht sie aber auch, dass die vorsichtige, kontrollierte Laurel eine Mauer um sich hat. Mit einem Fundament aus Stigma und Selbstschutz. Selbst Partner Dane Wells, ein überzeugender Michael Shannon, weiß nichts von ihrer Homosexualität. Später reagiert er verletzt auf diesen Vertrauensentzug, sie sagt: "Du bist ein Mann, hetero, weiß. Dir werden Aufgaben gegeben, ich muss sie mir erkämpfen."

Unverhandelbar

Ihre weiche Seite erweckt erst Stacie Andree, die Ellen Page wunderbar wandelbar mit Natürlichkeit und Bodenständigkeit ausstattet.

Sollett schenkt ihren Auftritten helle Farben. So bauen sie sich eine normale, bunte Welt auf. Mit Haus, Garten, Hund, voll ehrlicher Zuneigung. So wird spürbar, dass ihnen Alltägliches unverhandelbar zusteht. Als Laurel dann todkrank die ihr früher wohlgesonnenen Politiker bittet, Stacie ihre Pension zu überlassen und diese bloß antworten, sie sei "in ihren Gebeten", entlarvt das bitteren Zynismus. In "Freeheld" wird ihm nicht Einhalt geboten, was nur ganz am Ende doch etwas zu süß daherkommt.

Freeheld: USA 2015, 103 Min.,

OÖN Bewertung:

 

Hintergrund

Der wahre Fall: Die echte Laurel Hester starb 2006 an Lungenkrebs, damals seit 23 Jahren Polizistin. Sie wollte, dass ihre Pension nach ihrem Tod an ihre Partnerin Stacie übertragen wird. Entschieden wurde von sehr konservativen Bezirkspolitikern, die die „Unantastbarkeit der Ehe“ gefährdet sahen. Hester erhielt aber ihr Recht. Zehn Jahre später, am 26. Juni 2015, garantierte das höchste US-Gericht (Supreme Court) allen Bürgern, auch homosexuellen, Heirats-Recht.

In Österreich: Seit 1. Jänner 2010 können gleichgeschlechtliche Paare eine eingetragene Partnerschaft schließen.

Film-Aspekt Absicherung: In Österreich gehen Hinterbliebenen-Pensionen an den Partner über, sofern das Paar eine Ehe oder eine eingetragene Partnerschaft geführt hat.

Aspekt Homosexualität im Polizeidienst: „In den vergangenen Jahren hat sich vieles verbessert, auch wenn die Dunkelziffer an homosexuellen Polizisten noch immer hoch ist“, sagt Josef Hosp (Gay Cops)

Aspekt Krankenhaus: Im Film wird Stacie im Spital beäugt, als sie zu Laurel will. In Österreich ist es z. B. rechtswidrig, einen homosexuellen Partner nicht in die Intensivstation zu lassen.

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Artikel Nora Bruckmüller 09. April 2016 - 00:04 Uhr
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