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"Frantz": Ein beklemmender Traum von einem Anti-Kriegsfilm

"Frantz" von François Ozon deckt mit Eleganz Traumata auf.

Ein beklemmender Traum von einem Anti-Kriegsfilm

Anna (Paula Beer), Adrien (Pierre Niney, M.) Bild: Thimfilm

1919. Eine deutsche Kleinstadt. Doktor Hans Hoffmeister (Ernst Stötzner) sitzt am Mittagstisch. Gattin Magda (Marie Gruber) will sein Schweigen brechen: "Was machen die Patienten?" Der Mediziner spricht leise. Von Schnupfen. Sie: "Tja, es ist Frühling."

Diese Szene aus "Frantz" scheint unbedeutend zu sein. Doch Regisseur François Ozon gelingt Einnehmendes. Je länger sein Drama dauert, ein beklemmender Traum von einem Film, umso mehr erkennt man, dass diese Normalität Versuche sind. Mit häuslichen Routinen will man nicht Schnupfen kurieren, sondern Traumata. Ihr Sohn Frantz war 24 Jahre alt, als er an der Front gegen Frankreich im Ersten Weltkrieg 1918 gefallen ist. Sie haben ihr Kind verloren. Deutschland durch die Niederlage gegen Frankreich Stolz und Ehre (mehr rechts).

Gesellschaftlich galt es als richtig, "die Franzosen" zu hassen. Welch unlösbare, zehrende Konflikte das für Einzelne auslöst, zeigt "Frantz" aber auf feinsinnige Art über die Figur der Anna. Paula Beer verkörpert die Frau, die Frantz heiraten wollte und nun noch immer bei seinen Eltern lebt.

Die Berlinerin kennt man aus "Das finstere Tal". Wie in dem Alpen-Western des Bad Ischlers Andreas Prochaska erschüttert auch in "Frantz" ein Fremder die aufgesetzte Ruhe. Denn Anna bemerkt, dass ein Unbekannter weiße Rosen auf Frantz’ Grab bettet.

Schnell weiß sie, es ist Adrien Rivoire. Ein Pariser, feingliedrig, schmächtig und mit Schnurrbart wie Salvador Dalí. Ein Franzose, den Pierre Niney mit hinreißender Demut darstellt, ist ins Feindesland gereist und sagt, er wolle hier um seinen Freund trauern: Frantz. Anna sieht in ihm einen Verbündeten. Hoffmeister und die Heimkehrer im Dorf sehen den Feind, dem sie Wut entgegnen.

Anna und Adrien, in Trauer verbunden, stehen in ihrer Annäherung für noch mehr Widersprüche. Schön, aber verwundet. Elegant, bedächtig, im Grunde aber nur ausgelaugt. Sie lügen, tun es aber nicht aus Selbstzweck. Beer und Niney verleihen ihren Figuren dabei Schwermut, die elegant ist und sich in den fast ausschließlich schwarzweißen Bildern spiegelt.

Dieser Film, der mit herzergreifenden Wendungen aufwartet, strahlt so eine Melancholie aus, die auch die Zuschauer vergessen lässt. Nämlich, dass sie hier einen Anti-Kriegsfilm sehen. Er braucht keine Bomben, kein Blutbad. Einsichten schenkt er grandios leise, dafür umso intensiver.

Frantz: D/F 2016, 113 Min.,

OÖN Bewertung:

 

Auf einen Blick

Familie Hoffmeisters Sohn Frantz ist in Frankreich 1918 gefallen. Er war der Verlobte von Anna. Plötzlich taucht Adrien auf, der sagt, Frantz war sein Freund.

Hintergrund: Die deutsch-französische Beziehung, damals zerstört durch die deutsche Niederlage im WKI
(„Versailler Vertrag“).

Paula Beer: Für ihre Darstellung der Anna wurde sie in Cannes geehrt und für den Europäischen Filmpreis nominiert.

 

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Artikel Nora Bruckmüller 22. Oktober 2016 - 00:04 Uhr
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