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"Dunkirk": Krieg als nicht ganz grandioses Kino

Christopher Nolan inszeniert die Schlacht von Dünkirchen virtuos, aber es fehlt an Gespür

Krieg als nicht ganz grandioses Kino

Die Warteschlange in den Tod am Wasser Bild: Warner Bros.

"Dunkirk" – bei diesem Titel glaubt man, Christopher Nolan habe einen Film über einen US-Gangster oder einen schrägen Außenseiter gedreht.

Doch der Name gehört keinem Protagonisten, sondern einer Stadt. "Dunkirk", so haben die britischen Soldaten die Stadt Dünkirchen an der Küste Nordfrankreichs ausgesprochen. 1940 wurden dort vom Strand aus Hunderttausende von ihnen vor den Nazis gerettet.

Was damals geschah, nachdem auch zivile Seefahrer aufgerufen worden waren, vom untersten Zipfel Englands aus die "Ihren" heimzuholen, hat Nolan zu einem überwältigend harten Drama verengt. Auf der einen Seite Männer, die weg wollen, um zu überleben. Auf der anderen Männer, die zu ihnen wollen, um dabei zu helfen. Eine Quälerei des Wartens, Kämpfens.

Ein Drama, zerlegt in Einzelteile

Typisch Nolan hat er dieses an sich überwältigende Drama erzählerisch zerlegt: in Orte, Figuren, Zeiten, Stränge. So sieht man, wie Zivilist Dawson (Mark Rylance) mit Sohn Peter in See sticht. Während sie einen traumatisierten, im Meer auf einem Wrack kauernden Soldaten (Cillian Murphy) zu sich holen, fliegen die Royal-Air-Force-Piloten Farrier (Tom Hardy) und Collins (Jack Lowden) zu deren Schutz mit ihren Spitfires immer näher Richtung Front. Auf Dünkirchens Strand, wo der Militarismus immer stärker am Überlebenswillen der Männer zu scheitern droht, will der blutjunge Soldat Tommy (Fionn Whitehead) nur eines: heim. Wer Nolan, der auch das Drehbuch geschrieben hat, kennt, der weiß: Der Regisseur von kunstvoll verschachtelten Filmerzählungen wie "Interstellar" (2014), "Inception" (2010) und "The Prestige" (2006) will, dass der Inhalt der von ihm erdachten Form entspricht. Deshalb erzählen alle Szenen und Bilder am Strand von den Geschehnissen einer verdammt langen Woche, die Erlebnisse der Piloten entsprechen einer Stunde in Echtzeit.

Getragen von Darstellern, die trotz karger Dialoge immer packend agieren, entfaltet Nolans Verkettung der von ihm geschaffenen Geschichten und Momente einen einnehmenden Sog. Dabei spielt er mit nervenaufreibenden Irritationen. Jedes Mal, wenn Entspannung einkehrt, schlägt eine Bombe, eine Kugel oder ein Torpedo ein.

Am stärksten ist "Dunkirk" dann, wenn ganz nüchtern eine Art Routine startet, die nie hätte entstehen sollen, aber der Krieg ist den Männern eben in Fleisch und Blut übergangen. Wenn sich Hunderte von ihnen in der weitläufigen Bucht gleichzeitig ducken, hinlegen, Geschosse aus der Luft in ihren Reihen einschlagen und die Überlebenden aufstehen, sich den Sand abklopfen und den Tod der anderen still akzeptieren müssen.

Solche Momente, die einen die schmerzlich lachhafte Ungerechtigkeit und Brutalität des Krieges spüren lassen, hat "Dunkirk" zu wenige. Dafür fehlt im Überwältigungs-Kino Hollywoods noch immer das letzte Alzerl an Gespür.

Dunkirk: USA/GB/F 2017, 107 Min., Regie: Christopher Nolan

OÖN Bewertung:

 

Zweiter Weltkrieg: Was in Dünkirchen passierte

Geschichte: Während des Zweiten Weltkriegs war die nordfranzösische Stadt Dünkirchen (Franz.: Dunkerque) der letzte Evakuierungshafen des britischen Heeres, das in Frankreich und Belgien eingesetzt war. Die Nazis hatten es im so genannten „Westfeldzug“ (über Frankreich) 1940 dorthin zurückgedrängt. Den Briten gelang es zusammen mit den Franzosen aber so lange, die Stellung dort zu verteidigen, dass evakuiert werden konnte. Von 26. Mai bis 4. Juni 1940 entkamen auf diese Weise gut 340.000 Soldaten, davon etwa 110.000 Franzosen, per Schiff. Dann übernahm die Wehrmacht die Stadt.

 

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Artikel Nora Bruckmüller 28. Juli 2017 - 00:04 Uhr
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