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"Die Blumen von gestern": Ein schräger Kraftakt später Befreiung

Lars Eidinger brilliert als NS-Forscher, der sich seiner Geschichte stellt.

Ein schräger Kraftakt später Befreiung

Lars Eidinger als Totila Blumen Bild: Filmladen

"Wenn man Gefühl für Ironie hat und etwas auslachen kann, vermag man damit Distanz zu Angelegenheiten herzustellen, die sehr ernst sind." Das sagte Kabarettist Gerhard Polt in einem OÖN-Interview zum Thema "Humor und Hitler".

Der Ur-Bayer lieferte mit seiner Erkenntnis ebenso eine zeitlose Erklärung, warum sich manche einer komödiantischen Annäherung an die NS-Zeit verwehren. Regisseur und Drehbuchautor Chris Kraus hat in seinem Film "Die Blumen von gestern" die Figur dazu entworfen.

Totila Blumen – der fabelhafte Lars Eidinger – ist als Holocaust-Forscher davon besessen, einen Auschwitz-Kongress zu organisieren – korrekt auf allen Ebenen.

Er hat keine Kraft mehr für Späße, weil er sie aufbraucht, um angemessenen Umgang mit der Vergangenheit sicherzustellen. Eidinger skizziert dabei auf überragende Weise einen Charakter, in dessen Hektik und Verbissenheit zu spüren ist, dass er der Geschichte und ihren Folgen nicht bloß ehrerbietig gegenübertritt. Sondern – im übertragenen Sinne – für sich eine Glaskuppel darum gebaut hat.

Nur dieser Film ist eine schräge Komödie. Und je stärker sich Blumen um heiles Glas bemüht, umso mehr schlägt er es kaputt. Er stürzt auf höchst amüsante Weise drauf und tritt dann noch in die Scherben. Ein Unfall, von dem man nicht die Augen nehmen kann. Kraus inszeniert ihn, ohne das ihm dabei irgendetwas heilig wäre. Mops Ghandi von Blumens jüdischem Institutsleiter wird aus dem fahrenden Auto geworfen. Blumen bricht seinem Chef (Jan Josef Liefers) die Nase, weil seine Sponsoren den Kongress in ein "Firmenevent gegen Faschismus" wandeln würden.

In dieses Chaos schubst Blumen eine junge Frau, die ebenso arge Probleme mit der Impulskontrolle hat: seine neue Praktikantin Zazie. Diese verkörpert Adèle Haenel und das Eidinger absolut ebenbürtig.

Je näher sich die beiden kommen, umso mehr entwickelt sich ein Drama über die Zeit nach 1945, Schweigen in Familien und Schuld, die über Generationen nachwirkt.

Ein Kraftakt für das Publikum, der sich aber gut anfühlt, weil er befreit und zeigt, dass die NS-Aufarbeitung längst nicht beendet ist.

Die Blumen von gestern: A/D/F 2016, 126 Min.,

OÖN Bewertung:

 

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Artikel Nora Bruckmüller 14. Januar 2017 - 00:04 Uhr
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