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„Das weiße Band": Eine deutsche Gewaltgeschichte

Eine deutsche Gewaltgeschichte

Leugnen oder Geständnis im Verhör mit dem Vater folgen Züchtigung und Demütigung. (filmladen) Bild: filmladen

„Das weiße Band – Eine deutsche Kindergeschichte“: (Ö /D /Italien 2009, 128 Min.) Regie: Michael Haneke (Moviemento, Megaplex, Cineplexx)

OÖN Bewertung:

Ein deutsches Dorf. Der Herr Pfarrer, der Herr Doktor, der Herr Vater. „Ich weiß nicht, ob die Geschichte, die ich Ihnen erzählen will, in allen Details der Wahrheit entspricht. Erzählen muss ich sie trotzdem“, spricht der Herr Lehrer (Christian Friedel) aus dem Off und berichtet von seltsamen Vorkommnissen im Jahr 1913 in Eichwald: Vom Unfall des Arztes (Rainer Bock), dessen Pferd über einen dünnen, gespannten Draht gestolpert ist. Vom Tod einer Bäuerin, die durch morsche Bretter gestürzt ist. Vom kleinen Sohn des Barons (Ulrich Tukur), der gefesselt und misshandelt gefunden wird. Von einer Scheune, die in der Nacht niederbrennt. Vom behinderten Sohn der Hebamme (Susanne Lothar), dem die Augen ausgestochen werden. Und von den Kindern des Dorfes, deren Verhalten ihn, den Lehrer, irgendwie seltsam anmutet.

Hinter verschlossenen Türen

Die Gewalttaten selbst zeigt Haneke genauso wenig, wie er die Täter eindeutig festmachen lässt. „Eine deutsche Kindergeschichte“ steht im Untertitel zu seinem Film, für den er in Cannes mit der Goldenen Palme geehrt wurde. Auch die Züchtigungen, die die Kinder zu einem Leben ohne Sünde, im Glauben und vor allem im vorgegebenen Regelkorsett erziehen sollen und die sie ebenso ritualisiert annehmen wie Liebkosungen, finden zumeist hinter verschlossenen Türen statt. Gewalt ist das eine Mittel, Demütigung das andere. Wie bei dem weißen Band, das der Pfarrer (Burghart Klaußner) seinen ältesten Kindern Clara und Martin umbindet. Es soll sie daran erinnern, in Reinheit zu leben.

Wie entsteht Terror, wo gärt Gewalt und wann explodiert sie wie ein Dampfkessel? Vom Jahr vor dem Ausbruch des Ersten Weltkriegs erzählt der Lehrer, wer im Gezeigten allerdings nur die Wurzel des Faschismus suche, der interpretiere nicht umfassend genug, sagte Haneke.

Präzise, scharf und eindringlich klar komponierte er jedes einzelne Bild – ausschließlich in Schwarzweiß, mit wenigen natürlichen Musik- und Lichtquellen. Physische, psychische, verbale und versteckte Brutalität, von Eltern zu Kindern, vom Vater zur Tochter, vom Mann zur Frau, von älteren Geschwistern zu jüngeren, dominiert Taten und Geschehen.

Ein bedrückendes und beeindruckendes Sittengemälde, aus dem der Zuschauer ebenso wenig ein Entkommen und ein Ventil findet wie die Menschen im Dorf aus dem Geflecht aus Autorität, Hierarchie und Gewalt. Eine Analyse der Wurzel des Bösen, die den Zuschauer peinigt. In der Ungeheuerliches hinter formellen Grußformeln versteckt wird und wo am Ende gilt: Was nicht sein darf, kann nicht sein. Tür zu, Teppich drüber und mit einer Drohung zum Schweigen und Vergessen gebracht.

Fröhlichkeit hat Haneke mit seinen Filmen wohl noch nie geschaffen, Kunst dafür immer. In „Das weiße Band“ stimmt alles. Auch deshalb ist es so schwer zu ertragen.

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Artikel Von Julia Evers 23. September 2009 - 00:04 Uhr
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