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Vesselina Kasarova: "Immer noch mehr geht nicht"

Als Pianistin hat sie begonnen: Jetzt ist die bulgarische Mezzosopranistin Vesselina Kasarova, 49, gefeierte Sängerin auf den Bühnen der Welt. Am 14. Februar gestaltet sie mit Pianist Charles Spencer einen romantischen Liederabend im Linzer Musiktheater.

"Immer noch mehr geht nicht"

Bild:

Mit einem deutsch-russischen Liederreigen von Haydn über Brahms, Tschaikowsky und Rachmaninow widmet sich Vesselina Kasarova der Liebe, dem Leiden und der Sehnsucht. Im OÖN-Gespräch erinnert sie sich an ihre Anfänge in Zürich an der Seite von Edita Gruberova.

Sind als junge Sängerin von Bulgarien in die Schweiz gekommen. Wie haben Sie diese Zeit erlebt?

Es komme aus einer antikommunistischen Familie und bin schon vor der Wende in den Westen gekommen. Ich habe großen Respekt gehabt vor dieser Welt und mir gedacht: "Alle sind perfekt." Ich habe mich sehr bemüht, wollte niemanden enttäuschen.

Hatten Sie Heimweh?

Natürlich habe ich meine Eltern vermisst, ich habe keine Geschwister. Dann die Sprache: In der Schweiz spricht man kein Deutsch. Heute heißt es, ich sei bodenständig und authentisch geblieben. Ich glaube, weil ich nicht vergessen will, wie ich angefangen habe. Ich hätte nie gedacht, dass ich so eine Karriere machen würde. Das klingt ein bisschen klischeehaft, aber ich habe so viel Glück gehabt, damals in den 90er-Jahren.

Sie sind neben Edita Gruberova auf der Bühne gestanden. Gibt es etwas, das Sie von ihr gelernt haben?

Sich von negativer Energie zu distanzieren und nicht alles zu ernst zu nehmen. Edita Gruberova hatte Respekt vor ihrer Stimme und hat sie immer geschont, indem sie technisch bewusst gesungen hat, mit Disziplin. Sie geht behutsam mit ihrem Material um. Mit ihr singe ich übrigens 2016/2017 in Japan gemeinsam "Norma". Ich durfte mit vielen Persönlichkeiten zusammenarbeiten, die einen für gewisse Sekunden vergessen, lassen, wie schwierig es ist. Gwyneth Jones, Mirella Freni – sie versetzen das Publikum und auch ihre Partner in eine Welt der Faszination. Es gibt Stimmen, die man nie vergisst, die Charisma, Farbe haben. Das zeichnet große Künstler aus.

1991 sind Sie von Zürich an die Wiener Staatsoper gekommen. Wie haben Sie Ihre Zeit in Wien in Erinnerung?

Da denke ich zuerst an das Private: 1992 habe ich meinen heutigen Mann in Wien geheiratet. Wir waren so glücklich, wir hatten wenig, aber wir waren glücklich. Wenn man so jung ist und so eine Chance bekommt – das war unbeschreiblich. Ion Holender war mein Direktor, er war ein Kenner der Stimmen. Es gibt so viele Kollegen, die immer noch singen, obwohl schon die jüngere Generation da ist. Was auch gut ist, es muss ja weitergehen. Heute geht alles schneller. Wie die Marschallin im "Rosenkavalier" sagt: "Jedes Ding hat seine Zeit." Ich habe Glück, dass meine Stimme von Natur aus viele Möglichkeiten hat. Das hat man oder man hat es nicht. Das ist ein Geschenk.

Worauf können junge Sängerinnen und Sänger achten?

Mit viel innerer Intuition arbeiten. Selbstkritisch sein, sich weiterentwickeln, aber sich selbst treu bleiben. Man kann nicht allen gefallen. Und man kann nicht immer mehr und mehr wollen, immer mehr und noch mehr geht nicht. Es gibt nicht nur Ja und Nein, sondern auch einen Zwischenweg.

Wie tanken Sie Kraft für die Bühne?

Wenn ich alleine bin oder bei meiner Familie. Ich bin glücklich, ich habe einen Sohn. Ich habe großen Respekt vor meinen Kolleginnen, die mehrere Kinder haben. Als Mutter steckt man in einem großen Dilemma: Man hat immer Schuldgefühle. Früher hatte ich auch kaum Zeit für Liederabende, ich war immer mit Inszenierungen beschäftigt.

Was ist für Sie der größte Unterschied, einen Liederabend oder eine Oper zu singen?

Ich habe mehr Respekt vor einem Liederabend. Man ist allein. Bei einer Oper beschäftigt sich das Publikum auch mit anderen Komponenten. Für einen Liederabend braucht man spannende Musiker, damit es nicht langweilig wird. Mit Charles Spencer, mit dem ich in Linz auftrete, arbeite ich seit vielen Jahren zusammen. Auch die verschiedenen Stile der Komponisten machen es spannend.

Die Lieder von Tschaikowsky und Rachmaninow werden Sie auf Russisch singen …

Ich habe Russisch gelernt. Ich mag diese Sprache. Als Jugendliche habe ich alle Schriftsteller in der Originalsprache gelesen.

Sie haben 60 Opern gesungen. Ein Rolle, die Sie unbedingt noch singen möchten?

Die Amneris in "Aida". Und die Azucena in "Il Trovatore". Meine Stimme ist größer geworden, aber für mich ist es ganz wichtig, sie auch wieder zurück ins Piano bringen zu können. Die Jahre vergehen, unglaublich. Man wird körperlich alt, aber seelisch ist man wie 20. Das Entscheidende ist: Wollen wir, oder wollen wir nicht? Geben wir auf oder nicht? Nicht nur beruflich, auch als Mensch.

Karten für den 14. 2., 19.30 Uhr, Musiktheater Linz, unter 0800 218 000-1

Hintergrund

Vita Vesselina Kasarova wuchs in Bulgarien auf, wo sie Klavier und Gesang studierte. 1989 wurde sie an der Züricher Oper engagiert. Der Durchbruch gelang ihr 1992 bei den Salzburger Festspielen. Seit 1997 ist sie Schweizer Staatsbürgerin und lebt nahe Zürich.

Oper Als „Tancredi“ sprang sie 1992 für Marylin Horne in Salzburg ein. In der Folge überzeugte sie als Romeo in New York und Idamante in Chicago. 2013/2014 gastierte sie als Prinz Orlofsky („Die Fledermaus“) und Dalila („Samson und Dalila“) an der Kölner Oper

Lied Als Liedinterpretin spannt Vesselina Kasarova den Bogen von Volksliedern ihrer bulgarischen Heimat bis zur französischen, russischen und deutschen Romantik. Zu ihren Klavier-Begleitern zählen der Brite Charles Spencer oder der Welser Friedrich Haider.

CDs Erst 2014 erschien ihre Einspielung von „Carmen“ an der Seite von Jonas Kaufmann mit dem Chor und Orchester der Oper Zürich unter Franz Welser-Möst (Deutsche Grammophon). Aus 1995 stammt die Einspielung von Lied-Duetten mit Edita Gruberova „Wir Schwestern zwei, wir schönen“ (Nightingale).

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Artikel Karin Schütze 06. Februar 2015 - 00:04 Uhr
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