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"Je verrückter, umso besser"

Sein neues Album heißt "Der perfekte Moment ... wird heut' verpennt". Unter diesem Motto steht auch die Tournee 2018, die Max Raabe und sein Palastorchester am 15. März ins Linzer Brucknerhaus führt. Im traditionsreichen Berliner Lokal "Clärchens Ballhaus" hat der Sänger mit Ludwig Heinrich gesprochen.

"Je verrückter, umso besser"

Auf die Opernbühne wollte der studierte Bariton nie. Bild: Marcus Hoehn

Was 1986 die Initialzündung für sein Palast Orchester gab, wie er seine Inspiration findet und welches Lied er als seinen Durchbruch sieht, verrät Bariton Max Raabe im Gespräch.

Im Pressetext Ihrer Plattenfirma heißt es: "Max Raabe hat herausgefunden, wie man gute Lieder schreibt: Man tut am besten nichts". Wie geht das?

Wenn Sie diesen Text weiterlesen, so steht geschrieben: "Nur so kann Raum für den perfekten Moment entstehen, in dem die Muse küsst." So ist es in der Tat. Ich lasse die Sachen auf mich zukommen, entdecke noch immer musikalische Juwelen aus früheren Jahrzehnten. Außerdem macht es unbändige Freude, selbst Stücke zu schreiben. Selbst im Studio wird da manchmal noch improvisiert. Im Titelsong etwa finden Sie die Zeilen: "Ich dreh mich noch mal um, weil ich das gern tu. Ich hab’ alles, was ich brauch’, Augen auf und wieder zu. Heut’ mach’ ich gar nichts, keinen Finger krumm. Ich bleib’ zu Haus’ und liege hier einfach nur so rum". Das entstand erst im Studio, als wir über die Melodie den Text improvisierten.

Das Palast Orchester wurde 1986 gegründet. Hätten Sie gedacht, dass es dieses Orchester heute noch geben würde?

Nie im Leben. Zu jener Zeit wollte ich mit Musik nur mein Studium finanzieren. Einmal Spaß haben und diese Lieder wieder aufzuführen, das war schon der luxuriöseste Gedanke.

Woher hatten Sie die Initialzündung?

Es gab Orchestermaterial, das ungenutzt auf Flohmärkten und in Archiven schimmelte. Im Radio wurden einmal pro Woche Schellack-Platten mit diesem Repertoire gespielt. Im Fernsehen liefen Filme mit Zarah Leander und Heinz Rühmann. Leider gab es kein Orchester in entsprechender Größenordnung, das diese Dinge noch spielte. Also gründete ich eines.

Sie sind Bariton, "staatlich geprüfter Opernsänger". Hatten Sie nie Lust auf große Bariton-Rollen auf der Bühne?

Wäre es so, würde ich es machen. Mich zwingt ja niemand zu etwas. Im Sommer nehme ich mir jeweils ein paar Wochen frei. Wenn ich zurückkomme, merke ich jedes Mal, wie sehr mir das, was ich mache, gefehlt hat. Ich kann mir meine musikalische Karriere ohne dieses Repertoire nicht vorstellen. Einige Film- und Bühnenausflüge gab es ohnehin. Wie das "Weiße Rössl" in der Berliner "Bar jeder Vernunft". Da spielte ich den Dr. Siedler, weil der in diesem Singspiel die besten Lieder hat.

Zum Programmtitel, der besagt, Sie hätten den rechten Moment heut’ verpennt. Ist Ihnen das schon einmal passiert?

Das wüsste ich nicht, weil ich dann ja geschlafen hätte. Offensichtlich hat mir im Nachhinein jedoch nichts gefehlt. Das gehört faktisch zu meiner Philosophie, dass ich nämlich keine Sorgen habe, irgendwas zu verpassen.

Beherrschen Sie das perfekte Faulenzen überhaupt?

Und ob! Normalerweise hänge ich mir im Sommer zu Hause, in der Nähe von Berlin, eine Hängematte zwischen zwei Obstbäume und lass’ es mir gut gehen. Nur vorigen Sommer nicht. Da habe ich geschrieben und bin nachher für das neue Album ins Studio.

Im Rahmen Ihrer Tourneen waren Sie und das Palast Orchester ja schon oft genug in Österreich. Gibt es besondere Erinnerungen an diese oder jene Stadt?

In Wien kenne ich natürlich eine Menge Leute, habe also genug Gelegenheiten, mich zu verabreden. In Linz treffe ich regelmäßig Manfred Grillenberger. Der hat in den neunziger Jahren durch Zufall einmal bei uns als Aushilfe gespielt. Seither war das öfter der Fall. Inzwischen hat er, der Tenor-, Alt- und Baritonsaxophon spielt, bei uns faktisch schon jeden Kollegen und jede Kollegin ersetzt, bei Krankheit oder Schwangerschaft. In Graz gehe ich immer auf den Schlossberg und schaue von oben runter. Und da wäre dort noch Hans Stolz, der Großneffe von Robert Stolz, der das umfangreichste Archiv des Meisters besitzt. Robert Stolz spielen wir ja immer wieder, im aktuellen Programm zum Beispiel "Salome" oder "Du bist meine Greta Garbo".

Was würden Sie als Ihren großen Durchbruch bezeichnen?

Das Lied "Kein Schwein ruft mich an" aus dem Jahr 1992. Damit ging es echt los. Vorher war ich nur ein Berliner Lokalmatador gewesen.

Heute sind Sie nicht nur im deutschen Sprachraum ein Begriff. Zum Beispiel auch in Schweden?

Die wünschten sich dort ausdrücklich Lieder in deutscher Sprache. Und wenn wir in Helsinki auftreten, springen wir aufs Schiff und schauen uns St. Petersburg an.

In Hongkong und Brasilien waren Sie auch schon.

In Brasilien gibt es sogar eine Bar, in der sie unsere Musik rauf und runter spielen.

West- und Ostküste der USA sowieso?

In Los Angeles treffe ich immer die Witwe von Walter Jurmann, von dem wir ja viele Lieder spielen. Und nach unserem letzten Konzert in L.A. kam, das war eine große Überraschung, ein Mann hinter die Bühne und klopfte mir anerkennend auf die Schulter. Es war der berühmte Filmregisseur Mel Brooks.

Fehlt noch ein Kontinent?

Australien wäre sicher ein Thema. Aber man darf das nicht pushen. Das wird sicher von selbst kommen.

Ihr Kurzauftritt im Film "Der bewegte Mann" im Jahr 1994 fiel offensichtlich so beeindruckend aus, dass Sie daraufhin als Schauspieler für "Charley’s Tante" verpflichtet wurden. Gehen Sie heutzutage oft ins Kino?

Auf Reisen – ja. Und da schaue ich mir am liebsten Filme an, in denen Raumschiffe und Außerirdische vorkommen. Je verrückter, umso besser. Der Glaube, plötzlich auf einem anderen Planeten zu sein, gibt mir viel.

Welche Musik hören Sie, wenn Sie privat entspannen?

Klingt banal, nach Bildungsbürgertum. Aber zu Hause lege ich mir am liebsten Johann Sebastian Bach auf. Weil er die Ruhe hat und diese Klarheit.

Haben Sie nach so vielen Jahren noch einen besonderen Ehrgeiz?

Mein Ehrgeiz ist immer derselbe. Die Leute kommen ja freiwillig in unsere Konzerte. Und da wünsche ich mir, dass sie wieder kommen. Immer wieder.

 

Leben: Max Raabe, eigentlich Matthias Otto (55), sang bereits im Kinder-Kirchenchor seiner Heimatstadt Lünen. Mit 20 Jahren zog er nach Westberlin, wo er sein Studium an der Hochschule der Künste 1995 als staatlich geprüfter Opernsänger (Bariton) abschloss.

Palast Orchester: 1986 gründete Max Raabe mit einer Gruppe von Kommilitonen das Palast Orchester, das sich Musik aus Deutschlands Goldenen Zwanzigern verschrieben hat.

Film: In „Der bewegte Mann“ 1994 hatten Max Raabe und das Palast Orchester einen viel beachteten Kurzauftritt. 1996 spielt er den Attila im TV-Film „Charley’s Tante“ (re.). 2004 sang er den Soundtrack zu „Die Reise ins Glück mit Tellerlip Girl“.

In Linz: Am 15. März machen Max Raabe und sein Palast Orchester auf ihrer Tournee im Linzer Brucknerhaus Station. Im Gepäck: das neue Album „Der perfekte Moment … wird heut verpennt“ und selbstgeschriebener Raabe-Pop. Beginn: 20 Uhr, Karten: OÖN-Tickethotline: 0732 / 7805 805 oder OÖN-Verkaufsstellen in Linz, Wels und Ried/Innkreis.

 

 

 

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Artikel 09. März 2018 - 00:04 Uhr
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