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Mehr als ein nostalgisches Stück Blech

Seit fast 70 Jahren rollen sie durch die Stadt und übers Land. Kaum ein Vehikel brachte es zu derart zeitloser Popularität wie die Vespa. Doch was macht die Anziehungskraft des Kultrollers aus, was steckt hinter dem Rollerspaß? Roswitha Fitzinger hat die Spur aufgenommen.

Max Hintersteiner ist ein leidenschaftlicher Sammler Bild: (Volker Weihbold)

Groß ist sie, die Fangemeinde des coolen Flitzers und sie wächst und wächst seit vielen Jahren. Heftet man sich an seine Ballonreifen beziehungsweise an seine Besitzer, dann ergibt sich zunächst folgendes Bild: Der typische Vespafahrer hat die jugendliche Sturm- und Drangzeit bereits hinter sich gebracht, ist 30 plus, beruflich und familiär gesettelt und meist männlich.

Wer genauer hinschaut, sieht aber auch: die Vespa-Fangemeinde ist zweigeteilt. Die Entscheidung, ob nun ein Modell mit Blinker oder ohne, mit Vier-Gang-Handschaltung oder Automatik, mit Lampe-unten oder Lampe-oben wird für Hardcore-Fans des italienischen Rollers mitunter zur Glaubensfrage. Je älter und originaler der Zustand, umso besser, das ist ihr Credo. Doch dann gibt es auch jene, die all das etwas lockerer sehen. Die, die nicht daran Herumschrauben, dafür die geringen Unterhalts- und Fahrtkosten umso mehr schätzen, ebenso nie Parkplatzprobleme haben oder im Stau stehen. Sie fahren nicht in den Urlaub damit, sondern lediglich ins Büro, den Wind der Freiheit trotzdem um die Nase wehend.

Ob Liebhaber oder Praktiker, alle jedoch haben etwas übrig für das unverwechselbare Äußere, das Design der Vespa. Für sie alle ist sie mehr als ein nostalgisches Stück Blech – wie folgende Beispiele zeigen:

Der Freak

Vanille, Grasgrün, Blassblau – in den unterschiedlichsten Farben und in Reih’ und Glied stehen sie da, glänzend die einen, rostig die anderen. „Die Pastellfarben gehen jetzt besonders gut“, sagt Markus Hintersteiner, in der „Szene“ auch als Vespa-Max bekannt. Der Kunde hätte die Wahl, ob er eine unrestaurierte Vespa kaufen möchte – da sei man ab 1500 Euro dabei – oder eine restaurierte um rund 5000 Euro. Seltene Modelle kosten aber gut und gerne jenseits der 10.000 Euro, klärt der Experte auf: Für Raritäten wie die v98 von 1946/47 würden Liebhaber sogar mehr als 100.000 Euro zahlen. Das Geschäft geht gut. „Jetzt kommen wieder viele neue Leute“, sagt der 34-Jährige, der in Ennsdorf ein Geschäft samt Werkstatt betreibt. Solche, die in ihrer Jugend bereits Vespa-Erfahrung gesammelt hätten, dann auf das Auto umgestiegen wären und nun wieder zurückkehren. „Viele wollen sich auch kein zweites Auto leisten. Die Leute haben weniger Geld zur Verfügung.

Sie setzen auf einen Roller“, sagt der Unternehmer. Auch mehr Frauen als früher schwingen sich auf die Vespa. Mit 100 bis 150 Kilo ließe er sich gut lenken und sei leicht zu bewegen.

Und dann ist da noch die Optik. „Mit einer Vespa bist du halt auch immer stilsicher unterwegs“, sagt der gebürtige Linzer. Sie hätte Wiedererkennungswert. „Sag Vespa, und jeder weiß, worum es geht.“ Darüber hinaus sei der Kultroller der Inbegriff des italienischen Lebensgefühls, des Dolce Vita. Alles Aspekte für Hintersteiner, die die Vespa zum Kultobjekt haben werden lassen und nicht zuletzt den anhaltenden Boom erklären. Seit er sich vor 13 Jahren selbständig gemacht und den Schritt vom gemieteten Bauernhof an die Wiener Straße in Ennsdorf getan hat, sind die Verkaufszahlen kontinuierlich gestiegen. Stand der er anfangs noch alleine in der Werkstatt, werken dort mittlerweile vier Mitarbeiter.

Doch Markus Hintersteiner ist nicht nur ein Unternehmer, der sein Hobby zum Beruf gemacht hat. In seinem Herzen, und da muss man nicht tief graben, ist er ein Vespa-Freak. 23 Roller stehen bei ihm daheim, der älteste eine Vespa 125 Baujahr 1949. Sein Lieblingsstück ist aber die GS 150 von 1962. „Ein Schmankerl. Die steht da wie in einer Auslage“, sagt der 34-Jährige und seine Augen glänzen. Aber nicht nur, weil sie so schön und gut erhalten ist, gerät er ins Schwärmen. Es sind auch die Geschichten dahinter, die ihn faszinieren. Der Erstbesitzer sei ebenfalls Linzer gewesen, jedoch ausgewandert, erzählt er. Nach seinem Tod wollte der Mann in seiner Heimatstadt begraben werden. In seinem Nachlass befand sich besagte Vespa, die Hintersteiner ersteigerte.

„Der Mann war Vespa-Freak wie ich. Sogar ein Foto-Album mit seinen Ausfahrten habe ich bekommen.“ Die Witwe wiederum bekam von Hintersteiner das Versprechen, das gute Stück in Ehren zu halten und nicht zu verkaufen.

Stück für Stück wuchs die Sammlung des gelernten Bürokaufmanns. „Noch nie ist eine weggekommen. Ich konnte mich einfach von keiner trennen“, sagt er. Mit einer Ausnahme: Ausgerechnet seine erste, eigenhändig von ihm restauriere Vespa 50S Baujahr 1967 hat er abgegeben. Damals mit 18 sei einfach das Auto in sein Blickfeld gerückt, meint er, und es klingt fast wie eine Entschuldigung. Alle Versuche, sie wieder zurückzubekommen, sind bisher gescheitert. Sie ist und bleibt verschollen.

Obwohl mit 23 Stück die Hintersteiner’sche-Privatsammlung inzwischen beachtlich ist, komplett ist sie noch nicht. „Ein paar Stücke wären schon noch schön, aber die Kosten stehen einfach in keiner Relation“, sagt er. Da verwirklicht der 34-Jährige lieber einen anderen Traum – nämlich ein Vespa-Museum einzurichten. Irgendwann.

Der Langstrecken-Fahrer

Vespafahrer lieben die Gemeinschaft. 16 oberösterreichische Vespa-Clubs sind im Dachverband, dem Vespaclub Austria, Mitglied. Tatsächlich sind es noch viel mehr. „Allein in Linz gibt es sicher zehn bis zwölf Vespaclubs“, sagt Andreas Krenn. Er kennt die Szene, hat 1989 selber einen Club gegründet. den „VC Touring Linz“. Man tauscht sich aus, trifft sich zu Ausfahrten, reist, wie in diesem Jahr, zu den „Vespa World Days“ nach Kroatien. „Das gemeinsame Ziel ist das Schöne. Außerdem lernst du viele Menschen kennen“, sagt der 51-Jährige. Gleichgesinnte, die nicht selten zu Freunden werden.

Seit 35 Jahren sitzt der Linzer auf dem Roller, hat über ihn sogar ein Buch geschrieben und räumt gerne mit dem einen oder anderen Vorurteil auf. „Damit kommst du ja nicht weit“, hört er etwa von so manchem Motorradfahrer zuweilen. Von wegen. Andreas Krenn zückt dann sein Fahrtenbuch und tritt den Gegenbeweis an. Für Krenn ist die Vespa Reisefahrzeug und Urlaub gleichermaßen. „Der Urlaub fängt an, wenn ich den Zündschlüssel umdrehe und wegfahre.“ Zweimal ist er mit seiner Vespa bis zum Nordkap gerollt, davon einmal im Winter. Sechs Wochen dauerte allein die Hinfahrt. Genauso lang wie seinen Roller nach Bali zu verschiffen. Dort war er ebenso, wie in St. Petersburg.

„Es gibt so viele verrückte Leute“, meint er und erzählt von einem Italiener, der derzeit mit seiner Vespa Europa umrundet oder von Freunden, die planen, die Route 66 mit der Vespa zu fahren. Er selbst hat erst kürzlich eine Einladung nach Taiwan erhalten und tüftelt nun daran, wie er seinen Roller am kostengünstigsten nach Ostasien verschifft.

Der Italo-Fan

Clemens und Magdalena Frauscher/Vespa

Clemens Frauscher ist mit seiner Vespa ebenfalls schon ordentlich herumgekommen: sämtliche Alpenpässe ist er hinauf, nach Slowenien, in die Schweiz und natürlich nach Italien mit dem Roller gefahren. Ein halbes Jahr hat er als Austauschstudent in Rom verbracht und sich sofort bei der Ankunft eine Vespa zugelegt. „6000 Kilometer war ich unterwegs, bin bis in die letzten Gassen Roms vorgedrungen“, erinnert sich der Risikomanager, der seither perfekt Italienisch spricht.
Rollerfahren, das ist für ihn der Inbegriff der gemütlichen Fortbewegung. Und weil Vespa, Italien und Amore zusammengehören, hat auch seine Liebste mittlerweile auf der Vespa Platz genommen. Vor zwei Jahren haben die beiden geheiratet. Der Roller war selbstverständlich mit dabei. Für gemeinsame Ausfahrten werden nun im Partnerlook gehaltenen Vespas aus der Garage geholt. Zwei von insgesamt 16 Stück wohlgemerkt. Die eine Hälfte ist fahrtüchtig, die andere harrt der Restaurierung. „Sie sind technisch relativ einfach aufgebaut. Man kann viel selber machen“, sagt der 37-Jährige. Tut er auch. Außer Lackier- und Spenglerarbeiten, die überlässt er Profis.
Mit 16 ging das auch bei ihm los, mit Vespa fahren und nach dem Studium begann die Sammlerei. „Ich habe immer geschaut, dass ich die wichtigsten Modelle habe“, sagt er. Dennoch: Hardcore-Sammler sei er keiner, „Aber schwer mit dem Vespa-Virus infiziert bin ich schon.“

 

Von der Ur-Vespa zum Designerstück

1946: Die Geschichte begann nach Kriegsende. Der Schiffsbauer und ehemalige Kriegsflugzeugproduzent Piaggio wollte neue, zivile Lösungen für die Transportindustrie entwickeln. Ein unkompliziertes, sparsames und leicht zu fahrendes Fahrzeug für die Massen – so lautete die Vorgabe von Enrico Piaggio an die Ingenieure.
Corradino D’Ascanio: Entwickelt wurde die Vespa schließlich von einem Flugzeugingenieur. Corradino D’Ascanios Traum war es, Flugzeuge zu bauen. Motorrad-Fan hingegen war er keiner. Weil die Form des von ihm entwickelten Rollers seinen Chef an eine Wespe erinnerte, wurde das Gefährt schließlich Vespa (italien. = Wespe) genannt und am 24. April 1946 zum Patent angemeldet.

Das Entchen: Das erste Modell war die Vespa 98, bekannt auch unter dem Namen Paperino (Entchen). Mit einem Hubraum von 98 Kubikzentimeter und 3,2 PS erreichte diese Ur-Vespa eine Geschwindigkeit von 60 km/h. Von ihr wurden lediglich 300 Stück produziert.

Die Erfolgsgeschichte: Wurden die ersten Vespas auf Italiens Straßen noch mit einem hämischen Grinsen bedacht und dem skurrilen Vehikel ein schnelles Ende vorhergesagt, ließen sich die Erbauer nicht beirren. Die nächste Type (Vespa 125) kam 1953 auf den Markt und hatte bereits 5 PS und die Scheinwerfer oberhalb des Lenkers montiert. 1955 folgten weitere Neuerungen: Vierganggetriebe, ein langer Doppelsattel und 100 km/h Spitzengeschwindigkeit.

Millionste Vespa: Am 28. April 1956, zehn Jahre nach ihrer Entstehung, verließ die millionste Vespa die Fertigungsstraße. 1965 waren weltweit bereits mehr als drei Millionen Stück verkauft worden.

150 unterschiedliche Vespa-Modelle wurden bisher von Piaggio in etwa produziert.

7000 Stück des Kultrollers werden jährlich nach Österreich importiert. Im Verhältnis zur Bevölkerung ist Österreich damit weltweit das Land mit der höchsten Verkaufszahl.

Armani: Der italienische Stardesigner Giorgio Armani hat anlässlich des 130. Gründungsjubiläums von Piaggio heuer das Design für eine neue Vespa entworfen. „Vespa 346 Emporio Armani“ heißt der grau-grüne Roller.

Motorradredakteur Klaus Buttinger erinnert sich...

Ich kenne keinen Vespa-Fahrer, den es in seinen wilden Jahren nicht aufgetuttelt hätte. So lässig („cool“ sagte man damals noch nicht) der 50-ccm-Roller war, so haarig war er zu bedienen. Erst einmal musste er anspringen.

Mir ist der Klang, den die Vespa von sich gibt, wenn man immer wieder erfolglos auf den rasselnden Kickstarter tritt, ins Gehirn geätzt. Lief der Zweitakter, musste er bei Drehzahllaune gehalten werden, meist vom nicht eben optimal eingestellten Vergaser – und erst die Schaltung: über Drehung der linken Hand und elendslange Seilzüge wechselte man die Gänge; ungefähr halt. Man musste seine Vespa ins Gefühl kriegen. Sie erschloss sich nicht schnell und nicht jedem, sie verlangte Geduld, rudimentäre Schraubkünste und Zuneigung. Zumal die Seitenneigung der natürliche Feind der Vespa war und ist. Ihr kippeliges Verhalten in den Kurven ist legendär und forderte bestimmt schon Abertausende Schlüsselbeinbrüche. Von den Bremsen gar nicht zu reden; die hinken selbst heute noch den ansonsten tollen Modellen dem State-of-technic im Motorradbau weit hinterher.

Warum also setzt man sich auf ein solches Ding? Weil’s cool aussieht; und weil man sich – um wenigstens ein vernünftiges Argument anzubringen – die Hosen nicht vollsaut, wenn es ein bisschen regnet.

 

 

 

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Artikel 18. Juli 2015 - 00:05 Uhr
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