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Der schnellste Blumentopf der Welt

Schon gefahren: Das Elektro-Motorrad Johammer aus Bad Leonfelden fährt nicht über ausgetretene Trampelpfade, sondern wagt sich auf technisch völlig neue Wege. Dahinter steckt ein Erfinder mit Mut zu ungewöhnlichen Ideen.

Der schnellste Blumentopf der Welt

Aus allen Blickwinkeln ungewöhnlich zeigt sich das E-Motorrad Johammer. Die Kunststoff-Karosserie wird von einem Blumentopf-Produzenten gefertigt. Bild: Werk

Wir mussten auf keine Altlasten Rücksicht nehmen wie traditionelle Motorradhersteller", sagt Johann Hammerschmid, "sondern wir konnten ohne Vorgaben auf einem weißen Blatt Papier anfangen zu planen." Design und Technik – alles ist völlig neu beim E-Motorrad namens Johammer. Schon 2005 beschäftigte sich der gelernte Elektromechaniker aus Bad Leonfelden mit der E-Mobilität und den geforderten Leichtbau-Werkstoffen. Mit Neugier schaute der Mühlviertler damals in die Schweiz, wo ehemalige Smart-Ingenieure ein E-Fahrzeug namens SAM entwarfen. "Der Zweisitzer war leicht, lustig und hatte Sex", sagt Hammerschmid, der einen von insgesamt 100 Prototypen nach Bad Leonfelden holte. Nach drei Jahren Entwicklungszeit war das SAM-Team pleite, weshalb der heute 54-Jährige entschied: "Dann machen wir selbst etwas." Das war 2010.

Vier Prinzipien waren dem Elektromechaniker bei der Umsetzung wichtig: Das E-Motorrad muss wartungsfrei, recycelbar und billig sein. Und bei der Produktion muss eine "neue Qualität des Arbeitens" herrschen. Sprich: keine klassische Fließbandarbeit, sondern kleine Stückzahlen, die in Handarbeit gefertigt werden.

Einer der Knackpunkte war freilich die Entwicklung der Akkus. Der Mühlviertler wollte nur das Beste, das Verlässlichste – und konzentrierte sich auf Panasonic. Die Japaner beliefern unter anderen den Elektro-Autohersteller Tesla und können – im Gegensatz zu anderen Produzenten – Akku-Langzeittests vorweisen.

Beim Anpassen der Akkus gelang Johann Hammerschmid eine technische Meisterleistung. Der 54-Jährige konnte den Zwischenraum zwischen den Lithium-Ionen-Zellen auf null reduzieren. Zum anderen gelang es dem Elektromechaniker mittels völlig neuer Laserschweißtechnik die Zellen derart perfekt miteinander zu verbinden, dass bei jedem Schweißpunkt die gleichen ohmschen Werte gemessen wurden. Das heißt, alle Zellen werden gleich schnell bzw. langsam ge- oder entladen. Bei herkömmlichen Konstruktionen fließt unterschiedlich Strom, weshalb manche Zellen rasch leer sind und die Gesamtleistung des Zellenblocks drastisch sinkt.

Hammerschmid verbaut in seinem E-Motorrad 1200 Zellen, die 70 Kilogramm schwer sind und 12,7 kWh Leistung liefern. Von dieser einzigartigen Konstruktion waren selbst Panasonic-Techniker derart überrascht, dass Anfang 2014 eigens eine Firmen-Abordnung aus dem japanischen Osaka 12.000 Kilometer nach Bad Leonfelden reiste. Seither wird Hammerschmid direkt – ohne Zwischenhändler – von Panasonic beliefert. Eine Auszeichnung der besonderen Art.

Völlig neue Radaufhängung

Beim Entwurf des Motorradrahmens verzichtete der Mühlviertler auf die traditionelle Teleskopgabel vorne. "Es ist widersinnig, dass die Kräfte in einer Zickzack-Linie wirken", sagt der Techniker. Seine Vorgabe war: Von Achse zu Achse sollte die Radaufhängung auf einer Linie verlaufen. Speziell die Aufhängung vorne sieht nun spektakulär aus – wie auch die Lenkung. Die beiden Rohre, die nach unten zur Radaufhängung führen, lassen sich nicht wie eine Teleskopgabel gemeinsam starr um einen Mittelpunkt schwenken, sondern beide Lenksäulen drehen sich um die eigene Achse. Ein völlig neues Lenk-Gefühl.

Neue Wege für Designer

Zwei Designer-Büros hatte Hammerschmid beauftragt, etwas völlig Neues zu entwerfen. "Das eine Büro habe ich rausgeschmissen, nachdem es drei Mal mit einem Entwurf angekommen ist, das einem traditionellen Motorrad ähnlich sah", erzählt der Unternehmer. Den Auftrag erhielt die Linzer Agentur "Yellow". Wichtig sei gewesen, dass der gesamte Motorrad-Körper umschlossen wird. "Ich hasse es, wenn man die Technik dahinter sehen kann", sagt Hammerschmid.

Die ersten fünf Prototypen waren Ende 2012 fertig. Der erste Name? "Biiista" – vom englischen "beast", das Biest. "Doch der Name war international nicht zu vermarkten", sagt der Unternehmer. Darum tauften die Bad Leonfeldner das E-Biker "Johammer" – ein Wortspiel aus dem Namen des Schöpfers Johann Hammerschmid.

Die technischen Daten beeindrucken nicht nur Fachleute: Die Reichweite des 178 Kilogramm schweren Motorrades beträgt mindestens 200 Kilometer. Der Elektromotor, der lediglich 14 mal 6 Zentimeter groß und direkt an der Hinterachse angeflanscht ist, leistet 16 kW im Dauerbetrieb (220 Newtonmeter Drehmoment direkt am Hinterrad). "Das entspricht einer starken 125er-Maschine", sagt Hammerschmid. Vier Sekunden dauert der Sprint von 50 auf 80 km/h, acht Sekunden jener von 50 auf Tempo 100. Bei 120 km/h regelt die Elektronik ab.

3,5 Stunden muss der Johammer an einer Haushaltssteckdose (220 V, 16 A) hängen, damit der Akku fast voll ist. An einer 380-V-Steckdose braucht’s 80 Minuten. "Wir laden den Akku nie ganz voll, denn das würde ihm nur schaden", sagt der Elektrotechniker.

Beschleunigt wird wie bei traditionellen Motorrädern auch mit einem Dreh am Gasgriff. Neu ist, dass mit einem Dreh in die andere Richtung gebremst wird – und dabei Strom erzeugt wird ("Rekuperation").

Akkugarantie 200.000 Kilometer

Der Johammer ist – wie versprochen – wartungsfrei. Nur wegen der Reifen wird zu einer Inspektion geraten – einmal pro Jahr. Auf den 12,7-kWh-Akku gewährt Hammerschmid eine einzigartige Garantie: 200.000 Kilometer oder vier Jahre. Nach 200.000 Kilometern wird der Akku noch immer 60 bis 80 Prozent Leistung haben, sagt der Bad Leonfeldner, der die Zellen seiner Kunden zurücknimmt und gegen Aufpreis gegen einen neuen Akku-Pack austauscht. "Die alten Akkus sind als Puffer bei Haussolaranlagen noch bestens geeignet."

Auch wenn die Johammer-Verkleidung von einem italienischen Designer-Blumentopf-Hersteller produziert wird, Hammerschmid legt Wert auf die Verwendung heimischer Produkte.

50 Stück Johammers werden pro Jahr in Bad Leonfelden in Handarbeit hergestellt. Der Preis: 25.000 Euro (200 Kilometer Reichweite) bzw. 23.000 Euro (150 Kilometer). Sieben Stück Johammer waren schon vor dem Verkaufsstart am 1. April fix vergeben. "Bei etwa 300 Exemplaren hat sich die Entwicklung finanziell ausgezahlt", sagt Johann Hammerschmid, der 2,1 Millionen Euro in das Projekt investiert hat.

Johammer: Daten im Überblick

Technik:
Antrieb    permanent erregter
Synchronmotor
Leistung    16 kW
Reichweite    200 Kilometer
Drehmoment     220 Nm
Getriebe    einstufig
E-Motor und Getriebe im Ölbad laufend, wartungsfrei.

Akku:
Bauart:    Lithium-Ionen,
Nennspannung     72 V
Ladegerät:     onboard 3W
Lebensdauer:     mehr als 200.000 km

Fahrwerk: Zentralrahmen aus Aluminium, geschraubt; Schwinge hinten: Einarm aus Aluminiumguss mit integrierter Antriebseinheit; Schwinge vorne: Zweiarm mit parallel angeordneter Bremsmomenten-Schwinge aus Aluminium, Kastenprofil; Dämpfung: zentrale Federdämpfung mit Umlenkung, wartungsfrei, horizontal im Mittelrahmen angeordnet.

Bremsen: Braking-Doppelkolben-Bremszangen, Scheibendurchmesser: 300 mm.

Verbrauch im Vergleich:
Auto (6 l/100 km)     58 kWh
E-Auto    15 kWh
Johammer    6,5 kWh

Mehr Infos: www.johammer.at

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Artikel Carsten Hebestreit 27. Mai 2014 - 00:04 Uhr
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