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Aggressionen im Linzer Stauchaos: Wenn um Millimeter gerangelt wird

Stinkefinger, Hupen, Schimpfen sind alltäglich – Polizei: "Aber kaum Anzeigen"

Aggressionen im Linzer Stauchaos: Wenn um Millimeter gerangelt wird

"Enge erzeugt Aggression", sagt die Verkehrspsychologin Marion Seidenberger vom ÖAMTC. Bild: Volker Weihbold

Seit der Sperre der Linzer Eisenbahnbrücke Ende Februar 2016 steht Linz an Arbeitstagen zweimal still: morgens und abends, wenn Pendler unterwegs sind. Da wird um jeden Millimeter gerangelt, da wird geblockt, gehupt und geschimpft. Die jüngste Eskalation: Der Fahrer eines 5er-BMW stieß absichtlich gegen einen Vespa-Fahrer.

Um 7.15 Uhr vorm Rathaus

"Ich bin beim Neuen Rathaus aus der Fiedlerstraße Richtung Nibelungenbrücke eingebogen", erzählt der 34-jährige Linzer. Gegen 7.15 Uhr wollte sich der Roller-Fahrer im Stau auf der ganz linken Spur einreihen. "Da hat ein BMW-Fahrer hinter mir gehupt und wollte mich nicht vorbeilassen", erzählt der Mann, der sich vor fünf Jahren den italienischen Roller gekauft hatte, "damit ich schneller durch den Stau komme."

Der Linzer reihte sich ein, da lief der BMW-Fahrer aus dem Bezirk Urfahr-Umgebung heiß. "Er ist mit Absicht gegen meine Vespa gestoßen", erzählt der 34-Jährige. Der Zweirad-Fahrer stieg ab und wollte die Daten von dem Autolenker einholen. "Falls ich einen Schaden an meinem Roller gehabt hätte."

Schimpfen durchs Fenster

Der Autofahrer öffnete seine Seitenscheibe und begann ansatzlos zu schimpfen. Daraufhin rief der Linzer die Polizei.

Die Beamten fischten den Mühlviertler aus dem Stau und stellten den Mann zur Rede. "Er hat auch die Beamten angeschrien und musste sich schließlich einem Alko-Test unterziehen", erzählt der 34-Jährige. Glücklicherweise war an der Vespa LX 150 nichts zu Bruch gegangen, somit ist dem Autofahrer eine Anzeige erspart geblieben.

Vereinzelt Anzeigen

"Es gibt nur vereinzelt Anzeigen", bestätigt der Stadtpolizeikommandant Karl Pogutter. Allerdings werde reichlich geschimpft und gehupt.

Vor allem Zweiradfahrer berichten über aggressive Autofahrer. Eine Beobachtung, die sich einfach erklären lasse, sagt die ÖAMTC-Verkehrspsychologin Marion Seidenberger. "Enge erzeugt Aggression", sagt die 47-Jährige. Und im Stau ist’s immer eng. Da werde der eigene Platz verteidigt. Der Vorteil von Moped- und Motorradfahrern, die sich im Gewusel durchschlängeln können, fehlt den Autofahrern. "Da keimt dann das Gefühl auf, ein Verlierer zu sein – wie an der Supermarktkasse, wo alle anderen Reihen schneller abgefertigt werden als die eigene", sagt Seidenberger. Da steigt der Blutdruck.

Neben der Enge spielt auch oft das Unwissen über die Straßenverkehrsordnung (StVO) eine Rolle. Dass beim Reißverschlusssystem die Autofahrer auf der Beschleunigungsspur ganz nach vorne fahren sollen, hätten viele Lenker nicht verinnerlicht, sagt die Psychologin. Da werden dann vorbeifahrende Autofahrer beschimpft, weil sie sich angeblich ein paar Meter Vorteil verschaffen.

Terminstress

Zudem fahre oft Stress im Auto mit, weil Termine nicht eingehalten werden können. "Dabei handelt es sich um eine Fehlplanung beim eigenen Zeitmanagement", sagt die 47-Jährige. Trotz des Wissens um die Staugefahren zu Ferienbeginn bzw. -ende, an Montagen und Freitagen setzen sich Lenker und Lenkerinnen erst zur gewohnten Zeit hinters Lenkrad. Und kommen prompt zu spät.

Der Ärger steigt auch durch externe Einflüsse wie schlecht geschaltete Ampeln. Oder durch andere Autofahrer, die trotz Gelb noch in die Kreuzung einfahren und den Querverkehr blockieren. "Abgesehen davon hält sich ohnehin jeder Lenker für den besten Autofahrer, und schuld sind immer die anderen", sagt Seidenberger.

Morgenmuffel

"Manche Menschen sind auch noch nicht auf Betriebstemperatur, wenn sie sich ins Auto gesetzt haben." Echte Morgenmuffel eben. Was Autofahrer gegen Aggressionen tun können, lesen Sie nebenan.

 

Tipps für die Beruhigung

Oft sind es nur Kleinigkeiten, die Autofahrer richtig in Rage bringen. Aber auch Kleinigkeiten helfen, um sich selbst zu beruhigen. „Legen Sie Ihre Lieblingsmusik ein“, sagt die ÖAMTC-Verkehrspsychologin Marion Seidenberger. „Schöne Musik erzeugt bessere Laune.“ Und einfach gelassener reagieren und sich selbst positiv motivieren.

Für eine Deeskalation wäre vorteilhaft, sich auch einmal bei einem anderen Verkehrsteilnehmer zu entschuldigen, wenn man den anderen Wagen beispielsweise geschnitten hat. Oft hilft auch ein angenehmes Parfüm, das den eigenen Wagen zu einer kleinen Wohlfühloase macht.

„Manchen Autofahrern hilft, einen Kaugummi mit Minzgeschmack zu kauen“, sagt Seidenberger. „Jeder sollte selbst ausprobieren, was ihm, was ihr im Stau hilft.“

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Artikel Carsten Hebestreit 11. November 2017 - 00:04 Uhr
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