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Mercedes Benz AMG Cabrio: Wake-up-Call für den inneren Lausbuben

Eine Selbsterfahrung im Mercedes S 63 Cabrio AMG 4matic, der irgendwie jenseits von Gut und Böse parkt.

Wake-up-Call für den inneren Lausbuben

So Cabrio fahren kann jeder – im OÖN-Test probierten wir den offenen S-Klasse-Schlitten im winterlichen Februar aus und hatten auch bei tiefen Temperaturen Fahrspaß auf hohem Niveau. Bild: Mercedes

Jetzt bin ich haarfarbenmäßig schon fast so etwas wie ein Häuptling im Geschwader der Weißkopfgeier. Man bietet mir in der Straßenbahn zwar noch keinen Sitzplatz an, aber die in diesem Land vermutlich am häufigsten gestellte Frage höre ich immer öfter. "Heast, wie lång håst denn no zur Pensi, ha?"

Trotzdem, der irgendwo in meinem tiefsten Inneren verschüttete Lausbub lebt immer noch. Wenn er einen Weckruf hört, kratscht er an die Oberfläche und versetzt mich zurück in die heiter bis wolkige Jugendzeit. Als ein verlässlicher "Wake-up-Call" hat sich jetzt der Sound des Achtzylinders im Mercedes S-Klasse Cabrio AMG 63 S herausgestellt. Ich zündete das Triebwerk per Knopfdruck, es wummerte im Leerlauf wie ein fetter Subwoofer. Und der putzmuntere Lausbub in mir ließ mich breit lächeln, als wäre ich gerade dabei, im Garten des Nachbarn die saftigsten Kirschen zu fladern. Ja, hört denn das nie auf, fragte ich mich. Und stieg aufs Gas.

585 PS auf der Schneefahrbahn

Der Chef der OÖN-Motorredaktion und Herr über die Testauto-Verteilung ist in Sachen Logistik entweder ein Total-Chaot oder ein Genie. Das mit 585 Pferdestärken eher nicht gerade untermotorisierte S-Klasse-Cabrio teilte er mir nämlich mitten im Februar zu, als die Temperaturen satt im Minus standen und ein Eisregen die Straßen in der Früh mit einer feinen Glasur überzog. Naja. Da muss man halt durch. Mit so einem Auto im Sommer zu fahren und beispielsweise die Gmundner Promenade auf und ab zu schwadronieren, ist eigentlich eh ziemlich fad ...

Der Zufall will es, dass sich immer dann, wenn ich Autos der Kategorie "Überdrüber" teste, plötzlich meine Außendienst-Termine häufen. Das S-Klasse-Cabrio führte ich diesem Prinzip folgend unter anderem über den tief verschneiten Pyhrnpass hinunter ins steirische Ennstal (in Autos mit mehr als 300 PS entwickle ich eine Tunnel-Phobie und muss daher gezwungenermaßen Umwege über die Berge fahren). Mit Super-Sportlern aus einer Zeit, in der ABS oder ESP noch nicht erfunden waren, wäre ich verlässlich nach Kehre zwei oder drei in einer Schneewechte gesteckt und hätte dort auf den Lawinenhund warten müssen. Der aktuelle AMG-Benz hielt aber ohne Ausreißer die Spur und war linientreu und loyal wie neulich Oberösterreichs VP-Mannen beim fliegenden Wechsel des Landeshauptmannes. Da brach nichts aus, weder ein rechter noch ein linker Flügel.

Allfälliger frecher Übermut wurde unauffällig, aber wirkungsvoll von den zahlreichen elektronischen Fahrdynamik-Kontrollen auf ein erträgliches Ausmaß zensuriert. Selten war es leichter, so ein Kraftpaket bei erschwerten Bedingungen wie Schneefahrbahn und schlechter Sicht unter Kontrolle zu halten.

Eitle Affen könnten da schon glauben, dass sie als Autofahrer in die unerreichbare Galaxie eines Walter Röhrl aufgestiegen seien. In der Realität schaut es allerdings eher so aus: Die Mondraketen-Technik hat inzwischen den Auto-Sektor erreicht, das erlaubt uns Normalos, mit so außergewöhnlichen Fahrdynamik-Wundern wie dem AMG S 63 relativ problemlos zurechtzukommen.

Das offene Vergnügen

Das Wetterglück bescherte mir schließlich zum Finale der Testfahrten dann doch noch Temperaturen im einstelligen Plus-Bereich und einige Sonnenstrahlen. Bei geöffnetem Dach ist in diesem Auto der Fahrspaß für alle Sinne wirklich im wahrsten Sinn des Wortes nach oben offen ...

Ein unübersehbares Mercedes S AMG Cabrio ganz in Weiß, ein Mann mit bunter Pudelhaube hinter dem Steuer, der wie ein Trottel grinst und die Passanten spitzbübisch mit kurzen Zwischengas-Salven grüßt – nun ja, rückblickend betrachtet hatte ich Glück, dass die Februar-Testfahrten im nicht gerade unauffälligen Auto bei geöffnetem Dach für mich nicht in einer geschlossenen Anstalt geendet haben. Und die Nachbarn, bei denen ich täglich mit einem achtzylindrigen Orgelkonzert vorbei geröhrt bin, grüßen mich auch wieder.

Die Sache mit dem Preis

Erst nach dem Entzug des Anti-Aging-Programms auf vier Rädern warf ich einen Blick auf den Beipacktext des Stars im Fuhrpark der Sternen-Flotte. Dort stand in der Rubrik "Gesamtpreis Testauto" 288.120 Euro. ZWEIHUNDERTACHTUNDACHTZIGTAUSENDEINHUNDERTZWANZIG!

Der Lausbub in mir hat sich umgehend und "will haben" wimmernd in die Tiefen meines Unterbewusstseins zurückgezogen. Und seine ältere Schwester, die Vernunft, stellte trocken fest: wenn, dann Eigentumswohnung.

 

Mercedes Benz AMG Cabrio S 63 4matic

Preis: ab 241.000 Euro
OÖN-Testwagen: 288.120 Euro

Motor: V-Achtzylinder, Bi-Turbo mit Ladeluftkühlung
Hubraum: 5461 ccm
Leistung: 430 kW (585 PS) bei 5500 U/min
max. Drehmoment: 900 Nm bei 2250 - 3750 U/min

Verbrauch (MVEG)
Stadt/Land/Mix: 14,3/8,2/10,4
OÖN-Test: 13,8
Tank/Kraftstoffart: 80 l/Super

Umwelt: Euro-6
CO2-Ausstoß: 244 g/km

Antrieb: 4MATIC-Allrad
(Antrieb im Verhältnis von 33:67 auf Vorder- und Hinterachse
Getriebe: AMG-Speedshift (MTC-7-Gang-Sportgetriebe)

Fahrleistungen:
0 auf 100 km/h in 3,9 sec
Spitze: 250 km/h

Abmessungen & Gewichte:
L/B/H: 5027/1899/1417 mm
Radstand: 2945 mm
Leergewicht: 2185 kg
Zuladung: 450 kg
Kofferraum: 350 Liter

Garantie: 4 Jahre (bis 120.000 Kilometer, kostenpflichtig erweiterbar bis 7 Jahre/200.000 km)

Plus: High-End-Produkt auf allen Ebenen inklusive technischer Delikatessen wie „Airscarf“ (Warmluftschal), zahlreicher Fahrassistenzsysteme, Fahrwerk mit Kurvenneigefunktion . . .

Minus: hohe Besteuerung (ca. 100.000 Euro!

 

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Artikel Christoph Zöpfl 19. April 2017 - 00:04 Uhr
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