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Möbel der Zukunft: flexibel, multifunktional, digital

Wohnraumstudie: Das MicroApart 20/30 von Häfele soll mit seinen komfortablen, wandelbaren Möbeln in einem modular aufgebauten Baurastermaß eine anpassbare Wohnumgebung bereitstellen. Bild: Häfele

Möbel der Zukunft: flexibel, multifunktional, digital

Wenn der Wohnraum knapper wird, Wohnbereiche ineinanderfließen und Möbel immer häufiger die Wohnzonen definieren, wächst die Bedeutung der Ausstattung.

Von Sonderthemen-Redaktion, 13. Januar 2018 - 00:04 Uhr

 

"Urban Living", die städtische Lebensweise, ist für den Großteil der Menschheit das Maß aller Dinge. Für die einen die Verheißung auf ein besseres Leben, für die anderen auf Individualität und Selbstständigkeit. Doch Leben im urbanen Raum ist teuer.

Wenn Wohnraum knapper wird, muss er effizienter genutzt werden. Wer sich kompakt einrichten will oder muss, hat die Wahl zwischen individuellen Raumsparmöbeln und dem Einzug in ein fertiges, aber immobiles Raummöbel. Nichts anderes ist das im Trend liegende Mikroapartment. Schon die Architektin Margarete Schütte-Lihotzky erkannte in den 20er-Jahren des 20. Jahrhunderts, dass die Einheit von Raum und Möbel die vielleicht ergonomischste und ökonomischste Art der Einrichtung darstellt. Die Folge war der Siegeszug der so genannten Frankfurter Küche – der Urmutter aller Einbauküchen.

Der derzeitige Boom von Mikroapartments in den Großstädten deutet auf eine Renaissance des möblierten Wohnens hin. Damit sind nicht nur neue Raumkonzepte gefragt, sondern auch neue Designkonzepte für multifunktionale und raumsparende Möbel.

Aus mitteleuropäischer Perspektive ist die Aussicht auf ein Leben in multifunktionalen Wohnzellen wie der des fiktiven Taxifahrers Korben Dallas, verkörpert durch Bruce Willis in Luc Bessons Science-Fiction-Thriller "Das fünfte Element" (1997), wohl eher eine Horrorvorstellung. Doch aktuell erfährt das Mikro-Apartment eine Umdeutung – weg vom Image der improvisierten Studentenbude hin zur komfortablen Wohn-Suite: in einfacher, zweckmäßiger Ausstattung für chronisch auf Wohnungssuche befindliche Studenten, in luxuriöser Variante für pendelnde Manager und zeitwohnende Job-Hopper.

Die WG war gestern – es lebe das Mikro-Apartment

Immobilienunternehmen und Projektentwickler fangen gerade erst an, dieses profitable Geschäftsmodell für sich zu entdecken. In Berlin, Köln oder Amsterdam entstehen derzeit Vorzeigeprojekte von billig bis luxuriös. Für die Ausstattung solcher Apartments mit multifunktionalen und wandelbaren Möbeln sind konstruktive Elemente wie Beschläge und Leichtbauelemente von essentieller Bedeutung.

Möbeltechnik wird zum entscheidenden Innovator für diese neue Wohnwelt, in der der Beschlag das Möbel definiert. So jedenfalls sieht es der deutsche Beschlagspezialist Häfele, der auf der interzum 2017 das Denkmodell Häfele Concept für flexibles Wohnen und Arbeiten auf kleinem Raum vorstellte: ein Studenten- und ein Business-Apartment, bestehend aus industriell im modularen Rastermaß gefertigten Möbeln. Das Beispiel zeigt, wie eng künftig Möbel- und Bauindustrie in einzelnen Bereichen zusammenarbeiten werden.

Dass es nicht immer ein Einbausystem oder ein Funktionsblock in einem Mikroapartment sein muss, zeigt die auf der imm cologne präsentierte Studie des Designers Michael Hilgers: Bei "work-dress" verwandelt sich ein anscheinend normaler Kleiderschrank im Handumdrehen in einen komfortablen, ausfahrbaren Arbeitsplatz inklusive Rollcontainer. Der Berliner Designer ist bekannt für seine intelligenten Raumsparlösungen. Sein für Müller Möbelwerkstätten entwickelter Flatmate etwa ist mit seinen 0,9 Quadratmeter Grundfläche der wohl kleinste voll ausgestattete Sekretär überhaupt. Doch kaum wurde der Trend zum Mikro-Apartment ausgerufen, in dem sich die "Digital Nomads" unbeschwert von unnötigen Möbeln und belastendem Besitz in ihr aus- und wieder einklappbares Nest zurückziehen können, ohne ständig ans Putzen und Repräsentieren denken zu müssen – da wird der Trend auch schon wieder zurückgepfiffen: Glaubt man einer kürzlich von Ernst&Young veröffentlichten Studie, träumt die Generation Y nicht so sehr vom minimalistischen Leben eines modernen Nomaden als von Familienglück im eigenen Häuschen.

Für alle anderen entwickelt die Industrie derzeit fleißig Mini-Küchen, die der berühmten Frankfurter Küche in Sachen Ergonomie und beweglichen Elementen haushoch überlegen sind. Waren Raumspartricks wie das Schrankbett oder das Drehkarussell für Töpfe früher nur in Kinderzimmer und Küche zu finden, wird jetzt die komplette Wohnung auf bisher unerschlossene Weiten erforscht: Ob Apothekerschrank oder klappbarer Frisiertisch für das Badezimmer, zusammenklappbares Komfortbett oder platzoptimierter Kleiderschrank – alle Register werden gezogen. Dabei werden die mechanischen Bewegungsabläufe vielfach durch Motoren unterstützt und somit per App oder Sprachsteuerung bedienbar gemacht. Im Zuge dessen werden Oberschränke auf Zuruf automatisch geöffnet oder schwer zugängliche Nischen mit einer Bewegung zum Platzwunder befördert.

Auch bei Sofas – kleinen wie großen – rückt mit der Digitalisierung das Thema Ergonomie weiter in den Vordergrund: Hier kann die Armlehne geklappt und dort die Rückenlehne an den Grad der Müdigkeit angepasst werden. Damit wird selbst der schmalste Flur zum Home-Office, der kleinste Raum zum multifunktionalen Wohn-/Ess- und Arbeitszimmer, die Raumnische zum Schlafzimmer, hohe Raumdecken zum Raumwunder und große Räume dank auf Maß bestellbarer und als Raumtrenner fungierender Schränke zur Zweiraum-Wohnung. Mit der Smart Home-Technologie und der entsprechend bedienbaren Mechanisierung der Möbel entwickeln sich nicht nur große Häuser, sondern auch kleine Großstadt-Apartments sowie umgenutzter Büro- und Gewerberaum zur Komfortzone 2.0.

Mehr Lifestyle auf weniger Raum

Tatsächlich ist schon seit ein, zwei Jahren ein deutlicher Trend zu kleineren Solitärmöbeln zu beobachten. Gerade die skandinavischen Möbelmarken zeigen vermehrt Cocktail- statt großer Lounge-Sessel, intime Zweisitzer-Sofas statt XXL-Sofas und bescheiden dimensionierte Arbeitstische auf zierlichen Füßen. Nicht nur eine Frage der Ästhetik, denn der in der skandinavischen Designkultur angelegte Pragmatismus passt einfach in die Zeit. Vielleicht auch deshalb sind ihre Möbel und Lifestyle-Konzepte derzeit so angesagt. Denn sie verknüpfen das Notwendige mit dem Angenehmen und geben dem Gebot der Reduktion einen gemütlichen, menschlichen Anstrich.

Urbanisierungstrend, demographischer Wandel und die zeitgleich durchschlagende Digitalisierung verstärken sich gegenseitig in ihrem Einfluss auf unsere Wohnkultur, die sich in den nächsten Dekaden wohl nachhaltig verändern wird. Mit vielfältigen Konzepten und multifunktionalen Produkten, die Raum und Möbel enger als Einheit definieren werden.

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