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Die Anfänge der OÖN - eine Zeitung für das neue Oberösterreich

Am 5. Juni 1945 eilt ein 46jähriger Mann durch das von Bomben schwer getroffene Linz. Er ist zu einer bis dato unbekannten Dienststelle der amerikanischen Armee „dringend“ vorgeladen.

Ort: die einstigen Redaktionsräume der Tages-Post an der Promenade. Dort sitzt der Mann sechs amerikanischen Offizieren gegenüber, die ihm erklären, er soll in ihrem Auftrag eine neue, an demokratischen Werten orientierte Tageszeitung für Oberösterreich machen. Als der Mann am selben Tag das Haus verläßt, ist er leitender Redakteur. Das neue Blatt soll Oberösterreichische Nachrichten heißen, der Name des Mannes lautet Franz Lettner.

Die Besatzungsbehörden konnten sich auf Lettners journalistische Erfahrung verlassen: Vor dem Krieg hatte er für das sozialdemokratische Tagblatt geschrieben und am 4. Juni 1945 im Auftrag des Linzer Bürgermeisters Ernst Koref eine Nummer der „Linzer Zeitung“ erstellt. Die Amerikaner machten dieser Zeitungsinitiative schnell ein Ende. Doch Franz Lettner blieb für sie interessant, weil sie sich bei ihm auch in politischer Hinsicht sicher sein konnten: Der Sohn eines Eisenbahners hatte nach dem „Anschluss“ 1938 seine Redaktion verlassen müssen, weil ihn die Nazis als „politisch unzuverlässig“ eingestuft hatten. Für die Amerikaner ein entscheidender Grund, ihn zum Chefredakteur der OÖN zu machen.

Das „große Werk“

Die Zeit bis zum Erscheinen der ersten Nummer der OÖN war knapp: „Beschaffung von Schreibmaterial und ausrangierten Schreibmaschinen, stundenlange Besprechungen mit der amerikanischen Leitung und minutenlange mit dem Metteur über Schrift und Umbruchfragen und die vielen sonstigen Vorbereitungen einer neuen Zeitung füllten die nächsten Tage ermüdend aus“, erinnerte sich Lettner später. Gemeinsam mit den Amerikanern stellte er ein sechsköpfiges Team zusammen, das sich sogleich an die Arbeit machte.

Schließlich war das Ziel der Anstrengungen erreicht, wie sich Reporter Franz Pilsl erinnerte: „Ich sehe heute noch Chefredakteur Franz Lettner, als er mit der Nummer 1 der Oberösterreichischen Nachrichten ins Zimmer kam, mit mir über den Umbruch sprach und der kleine Stab um den Schreibtisch gruppiert war, um das ,große Werk’ genau zu studieren.“

Zensur mit Whisky

Das „große Werk“ bestand aus einem Zeitungsblatt, auf beiden Seiten bedruckt. Von der vielen Arbeit der Redaktion war kaum etwas zu sehen. Außerdem konnte keine Zeile ohne die Genehmigung des amerikanischen Presseoffiziers erscheinen. Dieser war im selben Haus, einen Stock über der Redaktion untergebracht. Lettner legte die Manuskripte vor und musste auf meist leeren Magen so lange Whisky mittrinken, bis der Offizier die Texte genehmigt hatte. Zeitzeugen erinnerten sich aber später an meist gute Kontakte zu den Amerikanern. Die Sowjets im Mühlviertel dagegen haben zumindest einmal den Vertrieb der Nachrichten zu verhindern versucht.

Trotz des ärmlichen Erscheinens der ersten Ausgaben rissen sich die Oberösterreicher um die OÖN. Ihr Erscheinen beendete die Zeit ohne kontinuierliche Zeitungsberichterstattung. Am 4. Mai war das NS-Blatt „Oberdonau-Zeitung“ zum letzten Mal erschienen. Zeitungsinitiativen wie die „Linzer Zeitung“ wurden von den Besatzern beendet.

Die 70.000 Exemplare der ersten OÖN-Nummer waren nur „ein Tropfen auf dem heißen Stein“, wie Lettner schrieb. In den ersten Jahren stieg die Auflage auf 214.000 Stück an (1947), gemeinsam mit dem Umfang der Zeitungsnummern. „Zur gemischten Freude jener Amerikaner, die Papier und Farbe herbeizuschaffen hatten“, erinnerte sich Lettner. Von der österreichischen Regierung war mit wenig Unterstützung zu rechnen. Die Parteien VP, SP und KP waren mehr an der Versorgung ihrer Parteizeitungen interessiert, als am neuen Typ der „unabhängigen Zeitung“.

In österreichischen Händen

Dafür konnten die OÖN auf den Startvorteil von fünf Monaten bauen. Die Parteizeitungen durften erst nach einer Feier im Landestheater erscheinen, bei der die Herausgeber die Genehmigungen erhielten. Auch die „Nachrichten“ gingen am 6. Oktober 1945 in österreichische Hände über: Sechs Männer, Vertreter der politischen Parteien, der Stadt Linz und des Landes sowie Franz Lettner erhielten die Erlaubnis, die OÖN als österreichische Zeitung herauszugeben.

Ende der 40er-Jahre probierten es die Herausgeber mit einer Abendausgabe und den „Nachrichten am Sonntag“ – jedoch ohne denselben Erfolg wie bei der Hauptausgabe. Bis heute leisten die OÖN aber als unabhängige Zeitung jenen Beitrag zu einer demokratischen Gesellschaft, den ihre amerikanischen Gründer ihr zugedacht haben.

Weitere Themen

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